"Es wird politisch!" im Wiener brut

13. September 2012, 13:52
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Themenschwerpunkte zu "Freedom of Speech" und "Out of Order" - Vierte Auflage des "Freischwimmer"-Festivals

Wien - Meinungsfreiheit im Web 2.0, die Suche nach Ordnung und Bedeutung in einer zunehmend bruchstückhaften Lebenserfahrung und der Aufruf "Verwerte dich!" im Zuge der vierten Auflage des "Freischwimmer"-Festivals werden das brut bis Jahresende beschäftigen.

"Es wird politisch!", versprach die kaufmännische Leiterin Olivia Khalil bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. In der Spielzeit 2011/12 besuchten über 25.000 Menschen die 268 Veranstaltungen des Off-Theaters am Wiener Karlsplatz. Damit wurde eine Auslastung von 87 Prozent erreicht, erklärte Khalil. Dennoch beschäftigen Geld und Budget das brut auch in diesem Jahr.

Radio, Revolution und der Umgang mit Daten

Was kann, darf und soll im Internet gesagt werden und was besser nicht? Die neue Saison startet mit einem Schwerpunkt zu "Freedom of Speech" - den Anfang macht von 20. bis 22. September das International Institute of Political Murder mit "HATE RADIO". Mit Kopfhörern schaut der Zuseher hier in eine Kabine, in der ein Reenactment einer Radiosendung aus Zeiten des Genozids in Ruanda stattfindet.

"Diese Aufführung zeigt deutlich, wie ein Medium auch über Sprache und Worte töten kann", so einer der beiden künstlerischen Leiter des brut, Haiko Pfost. Das Projekt mache Massenmord fühl- und erfahrbar. Im Oktober übernimmt dann die Austro-Mex-Gruppe um Gin Müller mit "Melodrom/The Making of a Rebellious Telenovela" (Premiere: 5. Oktober). Sie versuchen in Zusammenarbeit mit internationalen Aktivisten und Autoren ein Open-Source-Tool der Revolution zu entwickeln.

Die Löschung der eigenen Daten im Internet als Akt der Selbstbefreiung erkennen Pierter De Buysser und Hans Op de Beeck in "Book Burning" (12. und 13. Oktober). Ebenfalls um Daten, allerdings um den Handel mit ihnen als florierendem Geschäftszweig geht es bei "Data Dealer. Legal, illegal, scheißegal" am 18. Oktober. Den Abschluss bildet einer der Symbolfiguren des Umgangs mit Daten im Zeitalter des Internets: In "Assassinate Assange" nähert sich Angela Richter dem Wikileaks-Gründer in dokumentarisch-künstlerischer Weise (Premiere: 19. Oktober). Wer eine Pause von Meinungsfreiheit und Datenschutz braucht und gleichzeitig in die kommenden Produktionen des brut schnuppern will, dem sei die Performance- und Tanznacht am 28. September ans Herz gelegt: Unter dem inhaltlichen Überthema Porträt kann man intime Momente mit den Künstlern des brut genießen.

"Freischwimmer"-Festival

Bereits das vierte Mal nimmt das brut am "Freischwimmer"-Festival teil, das vor allem für junge Künstler eine Startplattform bildet. "Verwerte dich!" heißt das Motto dieses Jahres, mit studio 5 (Andrea Maurer & Thomas Brandstätter) und Joonas Lahtinen sind erneut zwei österreichische Künstler vertreten. "Der neoliberale Verwertungsgedanke ist in der Kunst angekommen", sagte Pfost. In unterschiedlichen Varianten beschäftigen sich die Gruppen mit diesem Thema. Die Suche nach Sinn und Ordnung in einer fragmentierten Welt steht beim zweiten Themenschwerpunkt der Spielzeit "Out of Order" im Mittelpunkt.

Anna Juren kombiniert in "Lost & Found" (Premiere 22. November) Dias, Video, Tanz und Text. Außerdem sind Performances von Sarah Vanhee, Kate McIntosh und Oleg Soulimenko & Andrei Andrianov zu sehen, die vergangene Saison bereits mit "Made in Russia" im brut vertreten waren. In ihrer neuen Performance "Old Chaos, New Order" begeben sie sich auf die Suche nach der Zukunft der Kunst und spekulieren über das Erbe, das sie einmal hinterlassen werden (Premiere: 7. Dezember).

Premieren bis Ende 2012

Weitere Premieren gibt es 2012 von Barbara Ungepflegt mit "Running Muschi", die dieses Jahr auch das Foyer des Konzerthauses gestaltete, toxic dreams mit "The Church of Warren Buffett" und der ersten eigenen Bühnenarbeit von Sabine Marte, "Hotel Totale". Auch der Club Burlesque Brutale kehrt mit einem kulinarischen Abend ins brut zurück.

Am Ende des Jahres wird mit dem Thementag Wachstum noch einmal dem Jahresschwerpunkt "Green Rules" gedacht, zu Ende geht dieser - glaubt man den Maya - gleichzeitig mit der Welt und der letzten Aufführung von "ghost exit", dem Finale des Jahresprojektes "Green Conversations" von united sorry am 21. Dezember. Wer dennoch überlebt, kann das schließlich am 31. Dezember mit Florentina Holzinger & Vincent Riebeek in "Kein Applaus für Scheiße" und der traditionellen Silvesterparty feiern.

Budgetkürzungen treffen auch brut

Eine kurze Schlussnotiz widmete kaufmännische Leiterin Khalil auch dem Budget des Jahres 2012: Während die Förderung der Stadt Wien bis 2015 fixiert ist, würden Kürzungen des Bundesministeriums für Kunst und Kultur das brut treffen: Der jährliche Grundbetrag sei von 180.000 auf 152.000 Euro reduziert worden. "Das wirkt sich eins zu eins auf das künstlerische Budget aus", meinte Khalil. Streitpunkt zwischen brut und Ministerium ist dabei die unterschiedliche Anrechnung von Förderungen - das Ministerium ziehe externe Förderungen von der Grundförderung ab, so Khalil - sowie die direkte Auszahlung von Geldern an Gruppen. Diese würden jedoch autonom wirtschaften und könnten daher nicht in das allgemeine Budget des brut gerechnet werden, erklärte Khalil. 

BMUKK widerspricht brut-Angaben

Das Kulturministerium ist mit den Budgetangaben des Wiener Koproduktionshauses brut nicht einverstanden. Der jährliche Subventionsbetrag sei nicht, wie die kaufmännische Leitung des Theaters am Donnerstag erklärt hatte, um rund 30.000 Euro auf 152.000 Euro gesunken, hielt eine BMUKK-Sprecherin gegenüber der APA fest. Vielmehr habe das Ministerium 2012 insgesamt 187.500 Euro an Programmförderung ausgeschüttet. Die Rechnung des brut könne sie "nicht nachvollziehen". (APA, 13.9.2012)

  • Am 5. Oktober feiert die Austro-Mex-Gruppe um Gin Müller mit "Melodrom/The Making of a Rebellious Telenovela" ihre Premiere im Wiener brut.
    foto: austro-mex

    Am 5. Oktober feiert die Austro-Mex-Gruppe um Gin Müller mit "Melodrom/The Making of a Rebellious Telenovela" ihre Premiere im Wiener brut.

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