Wie Österreichs Suizidrate rascher sinken soll

7. September 2012, 18:45
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Die einst sehr hohe Selbstmordrate in Österreich ist Vergangenheit. Seit rund 15 Jahren nehmen die Zahlen kontinuierlich ab

Wien - Vom traditionellen Wienerlied zum literarischen Werk Thomas Bernhards wird der österreichischen Mentalität und den Österreichern insgesamt gern eine besondere Nähe zum Selbstmord zugeschrieben - zu Unrecht, wenn man die aktuellen statistischen Zahlen betrachtet. Tatsächlich, so der Psychotherapeut und Experte für Krisenintervention, Gernot Sonneck, ist die Suizidrate in Österreich seit 15 Jahren am Sinken: "Und zwar sehr deutlich, nämlich bundesweit um 40, in Wien sogar um 60 Prozent", erläuterte Sonneck am Freitag bei der Vorstellung des neuen, EU- und Uno-Vorgaben Folge leistenden Supra-Programms (Suizidprävention Austria) mit Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ).

Dieser anhaltende Trend hat dazu geführt, dass Österreich bei der Häufigkeit von Suiziden und Suizidversuchen im Europa-Vergleich heute im Unterschied zu noch vor zwanzig Jahren im Mittelfeld liegt (siehe Grafik). Einfache Erklärung für diese Positiventwicklung gebe es keine, sagte Sonneck: "Aber es hat viel mit der verbesserten psychosozialen Versorgung zu tun. Sowie mit einem sensibleren Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema".

Koordinierte Maßnahmen bei Suizidprävention

Dennoch sterben alljährlich in Österreich rund 1250 Menschen durch die eigene Hand, etwa doppelt so viele wie im Straßenverkehr. "Lässt man Revue passieren, was alles unternommen wird, um die Zahl der Verkehrsunfälle zu verringern, so wird klar, dass es auch bei der Suizidprävention koordinierte Maßnahmen braucht", sagte Stöger vor der Presse.

Daher werde im Rahmen des nationalen Supra-Programms beim Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen (Gög) eine eigene Kontaktstelle eingerichtet und finanziert: Ein Suizidpräventions-Koordinator, der unter anderem die Aufgabe hat, in Zusammenarbeit mit den Sozialversicherungen, mit Ärzten und den lokalen Medien Maßnahmen in den Problemregionen des Landes zu forcieren.

Problemregion Steiermark

Dies sei vor allem in ländlichen Regionen angesagt, wo die Todesursache Suizid mehr als zweimal häufiger als in Wien und Umgebung sowie anderen urbanen Gegenden ist, schilderte der Psychiater, Sucht- und Suizidexperte Christian Haring: Auf dem Land gebe es vielerorts 25 und mehr Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner und Jahr, in städtischen Bereichen hingegen bis zu 15 Tote.

Die höchsten Raten überhaupt weist die Steiermark auf, mit den Bezirken Hartberg, Murau und Mürzzuschlag an der Spitze. Eine präzise Erklärung dafür gebe es nicht, meinten die Experten. Allgemein lasse sich jedoch sagen, dass das Thema Suizid auf dem Land immer noch weit tabuisierter als in der Stadt sei: "Auf dem Land, und dort vor allem unter über 50-jährigen Männern und bildungsfernen Personen ist es großteils immer noch verpönt, sich im Fall psychischer Krisen Hilfe zu suchen."

Genau das jedoch ist nötig, wenn es darum geht, Selbstmorde zu verhindern, denn diese gehen immer mit einer Verengung der Wahrnehmung einher - also mit dem Gefühl, keinen anderen Ausweg mehr zu haben. Insofern, so Experte Sonneck, sei bei der Suizidverhütung auch die Rolle der Medien zentral.

Und zwar durch den sogenannten Papageno-Effekt: Wie in Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Zauberflöte", wo die Drei Knaben dem nach Verlust seiner geliebten Papagena selbstmordbereiten Papageno helfen, gelte es, in Berichten immer wieder auch Bewältigungsmöglichkeiten psychischer Krisen aufzuzeigen. (bri, DER STANDARD, 8./9.9.2012

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    Zahl der Suizide in Österreich 1970-2011.

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