Ali Idaulambo bringt Licht ins Dunkel

4. September 2012, 17:56
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Martin Horváths in einem Wiener Asylwerberheim angesiedelter Debütroman "Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten" überzeugt nicht nur ästhetisch

Geschichten aufspüren und sie der Finsternis des Schweigens entreißen.

Wien - Kein Werk der Literatur, schrieb Anton Tschechow, könne so hart und zynisch wie die Realität sein, und, so der russische Autor und Arzt an einer anderen Stelle, es sei seltsam, aber immer dann, wenn es ihm am besten gehe, schreibe er die traurigsten Texte - und umgekehrt. Im Tschechow'schen Sinn ist Mohr im Hemd (DVA), der Debütroman des 45-jährigen Wieners Martin Horváth, ein sprachlich beeindruckend leichtes Buch, das allerdings vor der Folie von Trauer und Wut aufgespannt ist.

Ali Idaulambo heißt Horváths mit allen literarischen Wassern gewaschener Ich-Erzähler, der den Leser durch die 350 Seiten dieses in Wien spielenden Romans führt. Offiziell ist der aus dem Westen Afrikas stammende Ali 15, inoffiziell, das heißt, was seine Lebenserfahrung betrifft, aber mindestens 51 Jahre alt. Er lebt als sogenannter UMF, als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, in einem Asylwerberheim.

Ali ist neu in der Stadt, mittlerweile kennt er sie aber gut genug, um zu wissen, dass er als Schwarzer öfters von der Polizei auf Drogen kontrolliert wird und es, wenn er in der Straßenbahn sitzt, schnell heißt "Hier stinkt's" oder Mitfahrer den Sitz wechseln, wenn er sich neben sie setzt.

Wobei der österreichische Alltagsrassismus nur ein Nebenthema ist, denn es geht in diesem Buch nicht um das Äußere, sondern um das, was sich in den Innenräumen abspielt. Im Inneren der Menschen und vor allem in den Räumen des Asylwerberheims, in dessen viertem Stock die elternlosen Jugendlichen wohnen und auf ihre Asylbescheide warten. Zwölf Bewohner zählt die betreute Wohngemeinschaft, die sich - angelehnt an jene neutrale Zone, in der man beim Fangenspiel nicht erhascht werden kann - " Leo" nennt.

Hier im Leo liegt Alis Hauptbetätigungsfeld, hier redet er mit den Menschen, er beobachtet sie und denkt nach. Angetreten ist Ali, "die Geschichten aufzuspüren, sie der Finsternis zu entreißen, um solcherart Licht ins Dunkel zu bringen". Zum Beispiel in die Geschichte Djaafars, dem man in Afghanistan "die Sprache aus dem Leib" schlug und der sich nur schriftlich verständigt. Nicht sprechen will auch Alis zweiter Zimmergenosse Yaya aus Liberia, der regelmäßig schreiend aus dem Schlaf erwacht.

Geschichten-Jäger

Auch vom verschwiegenen Schicksal anderer Mitbewohner, der beiden Mädchen Nino und Nicoleta etwa, legt Ali Zeugnis ab. Oft verarbeitet er das Gehörte, indem er es in der Runde, die die schwarze Köchin Pita täglich in ihrem Raum versammelt, als Geschichte erzählt. Es sind Erzählungen von zum Töten gezwungenen Kindersoldaten, Fluchten über das Meer und jenen Lebensmomenten, in denen sich in einem Wimpernschlag alles ändert.

Horváths Erzähler ist ein gutmütiger Schelm, der nicht nur der oftmals schlaflosen Nächte wegen mit weit geöffneten Augen durch das Leben geht und an jeder Tür lauscht, was hinter ihr vorgehen mag. Und er ist einer, der die Menschen versteht, sprachlich und seelisch. Natürlich ist dieser nach eigenen Angaben 40 Sprachen beherrschende wortgewaltige Tausendsassa auch ein großer und somit unglücklich Liebender, den die Angebeteten (in der Reihenfolge ihres Auftretens: Mira, Sibel und Isabel) partout nicht erhören wollen. Ali bleibt allein, und es ist einer der vielen Kunstgriffe dieses Romans, dass manches erhellt, die Geschichte Alis aber durch wiederkehrende Träume nur angedeutet wird.

Und dann? Dann, gegen Mitte des Buches, zieht eine neue Mitbewohnerin ins Leo ein, ihr Name lautet Angst. Wieder einmal hat die " Abschiebeministerin" das Asylrecht verschärft. Auch aus dem Leo, bisher eine Tabuzone für die Staatsgewalt, werden die Jugendlichen abgeholt und " rückgeführt". Eine Revolution muss her, denkt sich Ali, und er beginnt Aktionen - von der Erstürmung des Schubhaftgefängnisses bis zur Entführung der Abschiebeministerin - zu planen. Doch wie der Leser merkt, ist es zu spät, denn im Inneren Alis haben sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufzulösen begonnen. Der Roman endet im Offenen.

Der Musiker Martin Horváth, der bisher mit kürzeren Prosatexten und Essays auf sich aufmerksam machte, verknüpft in Mohr im Hemd oder Wie ich auszog, die Welt zu retten mit großer Stilsicherheit verschiedene Erzähl-, Erinnerungs- und Themenebenen - und er kennt seinen Stoff. Für die Recherche absolvierte er unter anderem eine Ausbildung zum " Flüchtlingsbuddy" im Wiener Integrationshaus.

Ähnlich wie Ludwig Lahers 2011 erschienenes Buch Verfahren zeigt auch Mohr im Hemd, wie im Zuge von Asylverfahren aus Menschenleben in entpersonalisierter Sprache gehaltene Akten und "Fälle" werden, die man gnadenlos abwickelt. Medial wird das Thema Asyl trotz lauter werdender " Das Boot ist voll"-Rufe in Zeiten der Eurokrise noch stiefmütterlicher behandelt als bisher schon. Horváth bringt es literarisch in die Diskussion zurück. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 5.9.2012)

Martin Horváth präsentiert seinen Roman am 6. September um 19 Uhr in der Wiener Hauptbücherei (Urban-Loritz-Platz 2a). Eintritt frei.

  • Wenn Menschenleben zu Akten werden. Martin Horváth hat einen Roman über 
die Abschiebepraxis geschrieben.
    foto: kollektivretina / reinhard öhner

    Wenn Menschenleben zu Akten werden. Martin Horváth hat einen Roman über die Abschiebepraxis geschrieben.

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