Der Widerstand welkenden Fleisches

4. September 2012, 17:40
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"Körper als Protest": Mit einem plakativen Ausstellungstitel widmet sich die Albertina subtileren Formen der Zuwiderhandlung

Im Zentrum steht jedoch die Arbeit des britischen Künstlers John Coplans.

Wien - Nein, widerspricht Walter Moser vehement, mit einer Darstellung würdevollen Alterns hätten diese Fotografien wirklich nichts zu tun. Es gebe sogar Besucher, so der Sammlungsleiter Fotografie der Albertina und Kurator der Ausstellung "Körper als Protest", die diese Aufnahmen welker Haut und schlaffen Fleisches zum fluchtartigen Verlassen des Raums veranlassen würden.

Die kopflosen und überlebensgroßen Selbstporträts des nackten über 60- und später über 70-jährigen John Coplans (1920-2003) zeigen seinen Körper, wie er war: behaart, mit Hornhaut an den Füßen und Druckstellen der gerade abgestreiften Kleidung am Gesäß, mit schlaffer Haut und Speckröllchen rund um die Leibesmitte.

Früher hätte man dafür das Wort "Wohlstandsbäuchlein" verwendet, heute spricht Direktor Klaus Albrecht Schröder von "Verfettung" und geradezu abstoßender Behaarung. Freilich, Coplans' Körper entspricht keinem gängigen, Jugendlichkeit und Makellosigkeit verpflichteten Schönheitsideal, wohl aber dem Durchschnitt. Es sind Schwarz-Weiß-Fotos eines vergänglichen Körpers.

Erst im Alter von 64 Jahren hatte sich Coplans, der zuvor als Herausgeber des Magazins "Artforum", Kunstkritiker und Direktor des Akron Art Museum in Ohio in Erscheinung getreten war, der Fotografie zugewandt.

Angeregt durch die Auseinandersetzung feministischer Künstlerinnen mit dem Körper und seinen Zuscheibungen beginnt Coplans den männlichen Körper zu hinterfragen, der ebenso wie der weibliche einer gesellschaftlichen Normierung unterliegt. Sein Material ist der eigene Leib, den er etwa in bewusst weiblichen Posen inszeniert oder fragmentiert, also auf verschiedene Bildtafeln aufgeteilt, darstellt. Das Bild des Körpers wird durch das Zerteilen aufgelöst - dekonstruiert.

Unter dem "Körper als Schlachtfeld", wie es Barbara Kruger 1989 formuliert hat, stellt man sich jedoch vorrangig an deres vor als die bedächtige, geradezu zarte, wenn auch uneitle Herangehensweise Coplans'. Laut Kurator soll sie aber zu ihrer Zeit, also vor gut 20 Jahren, von tabubrechender Radikalität gewesen sein. Den eigenen Leib als Instrument künstlerischen Protests zu verwenden, lässt zunächst an Blut und Schmerz denken, an Dinge, die unter die Haut gehen: an Günter Brus' "Zerreißprobe", den tätowierten Strumpfhalter Valie Exports oder die an Kastration und Verstümmelung erinnernden Aktionen Rudolf Schwarzkoglers. Diese Thematik habe der Wiener Aktionismus nicht für sich gepachtet, wendet Moser ein. Er sei an einer viel subtileren Form der Zuwiderhandlung interessiert.

Vielleicht hätte man dieses Ansinnen von einem weniger plakativen Ausstellungstitel begleiten können? Das hätte auch besser zu den im Kontext Coplans' präsentierten Arbeiten von Bruce Nauman, Hannah Wilke, Miyako Ishi uchi, Vito Acconci, Hannah Villiger oder auch Robert Mapple thorpe gepasst. Thema ist mehr ein symbolischer Protest: Sei dieser auch ebenso aussichtslos wie die geballte Faust Ketty La Roccas, die sie ihrem todbringenden Tumor entgegenreckte. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 5.9.2012)

 

 

Bis 2. 12.

  • Fingerpose John Coplans' von 1999, die auch an einen alternden Körper denken lässt.
    foto: albertina / john coplans

    Fingerpose John Coplans' von 1999, die auch an einen alternden Körper denken lässt.

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