Deutscher Verlag klaut Twitter-Sprüche und erntet harte Kritik

4. September 2012, 11:27
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Twitter-User drohen mit Sammelklage, Riva Verlag rudert zurück

Am Montag war die deutsche Twitter-Community in heller Aufruhr über ein geplantes Sprüche-Buch, das vom Riva Verlag herausgegeben werden soll. Der Verlag plant, ein Buch mit "lustigen Sprüchen" herauszubringen, der Titel lautet "Nachts um 3 Uhr klingelte der Nachbar. Mir ist vor Schreck fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen".

Sprüche von Favstar

Twitter-Usern kam der Spruch im Titel des Buches sehr bekannt vor. Die Community bekam eine Vorab-Version des Buches als PDF in die Hand, die 18 Seiten des geplanten Buches umfasst. Schnell stellte sich heraus, dass die meisten der dort angeführten Sprüche von Twitter-Usern stammen. Ohne Erlaubnis der Urheber und ohne die Erwähnung der Schöpfer sind die Sprüche teilweise eins zu eins von Favstar.fm übernommen worden, einer Plattform, die die beliebtesten Tweets sammelt.

Keine Urheberrechtsverletzung

Der Riva Verlag hat mit einem Statusupdate auf Facebook reagiert und beteuert, dass die Sprüche von einer Facebook-Seite namens "iSpruch" stammen, die in regelmäßigen Abständen lustige Sprüche postet. Der Betreiber der Seite - und gleichzeitig Autor des Buches, Rolf Hohenhaus - hat laut Riva Verlag zugesichert, dass alle Inhalte von ihm stammen und keine Urheberrechte Dritter verletzen. Widerlegen lässt sich das allerdings durch eine simple Google-Suche. Der Verlag versichert zudem, dass der Autor des Titels ein Comedian namens Eric F. sei, der die Rechte auf den Titel hat.

Tweets nicht schützenswert

Die Sprüche auf der Seite seien zugesandt worden. Der Autor des Titel-Gags äußerte sich in den Kommentaren auch. Eric F. wurde mit der Kritik konfrontiert, auch in seiner Zeit als Comedian Sprüche von anderen Comedians geklaut zu haben. Dies dementiert er aber und meint, dass er die Rechte auf diese Witze habe und dies auch beweisen könnte. Zudem behaupten F.s Anwälte, dass ein Tweet "mangels hinreichender Schöpfungshöhe in aller Regel nicht urheberrechtlich geschützt sind". F. gibt gegenüber derStandard.at allerdings an, dass er mit dem Buch nichts zu tun habe.

Urteil aus München

Entgegen der Aussage von F.s Anwälten hat ein Gerichtsurteil vom Landesgericht München vor kurzem entschieden, dass die Länge eines Zitats - 12 Wörter - nicht ausschlaggebend für deren Schöpfungswert sei. In der rechtlichen Auseinandersetzung ging es um ein Zitat ("Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut"), der ohne Erlaubnis des Urhebers verwendet wurde. Das Gericht hat entschieden, dass auch eine kurze Wortfolge einem Urheberrecht unterliegt, wenn sie sich "durch eine fantasievolle Wortwahl oder Gedankenführung von üblichen Formulierungen abhebt". F. greift aber in seiner Wortwahl zu harten Aussagen: So schreibt er, dass ihm die Anonymität der Twitterer, deren "Denke, Einstellung und gepresste Ironie am Arsch vorbeigehe". 

Riva rudert zurück

Die User, deren Tweets davon betroffen sind, haben bereits mit einer Sammelklage gegen den Verlag gedroht. Kritisiert wird vor allem der kommerzielle Zweck, der den Usern sauer aufstößt. Im Nachhinein hat der iSpruch-Betreiber auf seiner iSpruch-Facebook-Seite teilweise die Quellen angegeben. Der Verlag bat die User indes, sich zu melden, falls einer ihrer Sprüche im Buch auftaucht. Einen Entwurf des Buches stellt Riva allerdings nicht zur Verfügung. Der Verlag hat am späten Montagabend noch bekanntgegeben das Buch nicht auszuliefern, sollte der Autor die Urheberrechtsverletzungen nicht entkräften können. (iw, derStandard.at, 4.9.2012)

  • Bereits vor über einem Jahr wurde der Spruch, der den Titel des Buches darstellt, auf Twitter gepostet
    screenshot: derstandard.at

    Bereits vor über einem Jahr wurde der Spruch, der den Titel des Buches darstellt, auf Twitter gepostet

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