U-Comix mit X-Factor

Kolumne29. August 2012, 19:46
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Ein Schüler, der auf den Befund eines Lehrers, er sei mehr faul als dumm, mit Stolz und Arbeitsverweigerung reagiert: Das ist HC Strache

Xxx Xxxxx xx. Na bitte, es geht ja. Hiermit ist der Beweis erbracht, dass man diese Kolumne auch mit einem Satz beginnen kann, in dem zehnmal der Buchstabe U vorkommt.

Wie bitte? Sie sehen kein U im ersten Satz? Stattdessen lauter X? Was für eine infame Unterstellung! Das behaupten Sie nur, weil Sie in Wirklichkeit Angst davor haben, dass ich die stärkste politische Kraft in diesem Land werde. Schauen Sie lieber noch einmal genau. Ein U neben dem anderen, keine Spur von einem X.

Hab ich Sie jetzt überzeugt? Wenn ja, dann gehören Sie zu jener Zielgruppe, die auch Heinz-Christian Strache bei seinem ORF- Sommergespräch überzeugen wollte. Mit einer von ihm zuvor auf Facebook geposteten antisemitischen Karikatur per Schautafel konfrontiert, erklärte er, dass er die drei darauf abgebildeten Davidsterne nicht erkennen könne. Die Szene erinnerte in bizarrer Weise an einen Seh-Test, bei dem der Augenarzt feststellen muss, dass der Patient nicht fehlsichtig ist, sondern einfach nicht lesen kann.

Komische Realitätsverweigerung

Wodurch Strache zu dieser durchaus komischen, aber auch ein wenig unheimlichen Verweigerung der Realität verführt wurde, lässt sich am ehesten durch den Beginn des Interviews erklären, an dem Armin Wolf eine umfragengestützte These vorbrachte, laut der die Ehrlichkeitswerte des FPÖ-Obmanns schlechter wären als jene für seine Intelligenz. An sich ein ungeheuerlicher Insult, von dem sich Strache aber scheinbar geschmeichelt fühlte und in weiterer Folge darauf bedacht war, seinen Inhalt zu bestätigen - vergleichbar mit einem Schüler, der auf den Befund eines Lehrers, er sei mehr faul als dumm, mit heimlichem Stolz und sofortiger Arbeitsverweigerung reagiert.

Und so schlug Strache im Verlauf des Gesprächs möglicherweise absichtlich eine konsequent Fakten boykottierende Linie ein. Egal ob Klappentext seines Lieblingsbuches, Rechtfertigung der FPK-Neuwahlverweigerung oder Reinwaschung von Martin Graf: Bei jedem dieser Themen ließ er sich zu Aussagen hinreißen, die sogleich von Wolf ohne allzu große Anstrengung als glatte Unwahrheiten entlarvt werden konnten. Eine Taktik, die Strache zumindest bei seinen traditionell realitätsresistenten Fans nicht schaden kann, deren Ziel aber, das Bewertungsverhältnis zwischen seiner Ehrlichkeit und Intelligenz zugunsten Letzterer positiv zu verändern, vielleicht doch nur bedingt erreicht wurde.

Es gibt nämlich Schwindeleien, die alles andere als ein gutes Licht auf die Intelligenz ihrer Urheber werfen. Wenn Ernst Strasser seine Agenten-Klamotte zum Besten gibt oder Werner Faymann seine Interventionen für Asfinag- und ÖBB-Inserate abstreitet, kommen der Zuhörerschaft ernste Zweifel. Aber nicht am Wahrheitsgehalt der vorgebrachten Geschichten - darüber herrscht Klarheit, ähnlich wie über die Frage des Milchgehalts in Analogkäse -, sondern an der Zurechnungsfähigkeit jener, die so etwas ernsthaft vortragen.

"Der Ehrliche ist der Dumme" lautete einst der Titel eines Bestsellers. Der möglicherweise daraus resultierende Umkehrschluss, wonach Lügner klüger seien, ist spätestens seit der von Strache vorgeführten, jede Art von Sternen ignorierenden Umnachtung nur mehr schwer argumentierbar. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 30.8.2012)

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