Rundschau: Do you speak Alien?

    Ansichtssache13. Oktober 2012, 10:13
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    Kontaktversuche zu Fremden in Romanen von China Miéville, Terry Pratchett, Rob Reid und Robert L. Forward

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    coverfoto: piper

    Robert Jackson Bennett: "Silenus"

    Broschiert, 575 Seiten, € 13,40, Piper 2012 (Original: "The Troupe", 2012)

    "Something Wicked This Way Comes" ... dem Titel von Ray Bradburys berühmtem Roman entsprechend scheint sich in der Phantastik zuletzt ein kleines Zirkus-Revival in Gang gesetzt zu haben. Titel wie Will Elliotts "Hölle", Genevieve Valentines "Mechanique" oder kürzlich die von Ekaterina Sedia herausgegebene Anthologie "Circus: Fantasy Under the Big Top" zeigen den eigentlich wenig überraschenden Umstand, dass sich dieses ganz spezielle Ambiente gut als Setting für Geschichten mit Fantasy- bzw. Gruseleinschlag eignet. Dabei müssen die fahrenden Leut' keineswegs immer wie bei Bradbury unschuldige NormalbürgerInnen in den Abgrund ziehen - aber das Schicksal scheint eine Vorliebe dafür zu haben, sie an dessen Rand zu stellen. Manchmal auch als Wächter.

    ... wie im neuen Roman von "Mr. Shivers"-Autor Robert Jackson Bennett, wo nicht weniger als der Erhalt der ganzen Welt auf dem Spiel steht. Genau genommen geht es in "Silenus" zwar nicht um den klassischen Zirkus im Zelt, sondern um das Vaudeville. Aber abgesehen davon, dass man schlecht Elefanten auf Varieté-Bühnen hieven kann, waren die buntgemischten Darbietungen dieser ausgestorbenen Kunstform dem Zirkus doch sehr ähnlich. Die "Truppe" des Romans und seines Originaltitels umfasst neben einer Tänzerin und einem Cellisten immerhin auch einen "Doktor", der mit unheimlichen Marionetten auftritt, und eine "starke Frau", die trotz schmächtiger Erscheinung mühelos Stahlträger verbiegt. Unter der Leitung des Impresarios Heironomo Silenus zieht diese Truppe durch den einstigen Keith-Albee-Circuit, ein Netzwerk von Vaudeville-Bühnen in den USA. Der Roman ist damit auf das frühe 20. Jahrhundert festgelegt. Eine Anmerkung, dass das Osmanische Reich fast bis Deutschland reiche, lässt zwar kurz an eine Parallelwelt denken ... aber wer weiß, vielleicht ist der US-Autor ja auch der Meinung, dass Mexiko beinahe an Kanada grenzt.

    Hauptfigur ist der 16-jährige George Carole aus Ohio. Elternlos aufgewachsen, hat George seiner Großmutter entlockt, dass Silenus sein Vater sei. Und gewohnt, zu bekommen, was ihm zusteht, reist er daraufhin dessen Truppe hinterher. Der Kontakt läuft dann aber ganz anders ab, als er sich das ausgemalt hatte. Er erlebt mit, wie das Publikum nach einer Vorstellung der Truppe seltsam benommen (aber durchaus glücklich) zurückbleibt. Und bei der ersten direkten Begegnung mit seinem Vater wird er von diesem erst gewürgt und dann mit ziemlich bizarren Fragen gelöchert. Auch nachdem George sich der Truppe anschließen durfte, wird sich Silenus selten ausgemacht väterlich zeigen. Am wichtigsten ist aber eine andere Erfahrung: Die Truppe leistet einen entscheidenden Beitrag zum seit undenklicher Zeit tobenden Kampf, die Welt - oder genauer gesagt die Schöpfung - gegen das Nichts zu verteidigen. Verkleidet als Männer in Grau hat die Finsternis längst ihre Wölfe als Agenten auf die Erde geschickt.

    Einer der beiden Autoren des letztes Mal vorgestellten "The 101 Best SF Novels" hatte ein ausgemachtes Faible dafür, die Namen von Romanfiguren interpretationstechnisch auszuwringen. Hier zumindest würde er schnell fündig. Silenos war ein Satyr der griechischen Mythologie - passt gut zur schmerbäuchigen, trinkfesten und jederzeit einen ordinären Fluch auf den Lippen tragenden Hauptfigur Bennetts. Dass der Name kein Zufall ist, wird dem Leser spätestens klar, wenn George den vier personifizierten Winden begegnet, deren Namen ebenfalls aus der Antike überliefert sind - auch wenn George selbst sie in dieser Situation nicht erkennt. Allerdings mischt der Autor diese und andere Versatzstücke aus der griechischen Mythologie munter mit solchen aus der keltischen und ein bissel auch aus der germanischen - in dem Punkt war das Subgenre Contemporary Fantasy aber ohnehin nie sonderlich pingelig. 

    Interessanter als der eigentliche Weltende-Plot, der nichts grundlegend Neues enthält, ist die Schilderung der Personenkonstellation. Jede der sechs zentralen Figuren hat ihre ganz spezielle Lebens- und Leidensgeschichte - und wie die miteinander verwoben sind, hat Bennett wirklich geschickt herausgearbeitet. "Silenus" ist damit viel weniger ein "Thriller", wie auf dem Cover prangt, als eine Familiengeschichte um Leben, Lieben, Lügen, Tod und Reue. Kein literarisches Erdbeben, aber genau die Sorte Roman, die man zwischen zwei anstrengenderen Büchern gerne zur Erholung liest.

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