Rundschau: Do you speak Alien?

    Ansichtssache13. Oktober 2012, 10:13
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    Kontaktversuche zu Fremden in Romanen von China Miéville, Terry Pratchett, Rob Reid und Robert L. Forward

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    coverfoto: bastei lübbe

    Tim Akers: "Das Herz von Veridon"

    Broschiert, 350 Seiten, € 13,40, Bastei Lübbe 2012 (Original: "The Heart of Veridon", 2009)

    Steampunk kann bedeuten: Rüschen, Rauch und Dampfmaschinen, die ein bisschen mehr leisten, als Dampfmaschinen eigentlich können. Man dreht einfach ein wenig an der Technologiegeschichte und sieht, was dabei herauskommt. Es gibt aber auch die Variante, in der so gut wie alles möglich scheint und die Grenzen zu wahlweise Fantasy, Science Fiction oder Horror (wenn nicht überhaupt gleich zu allen dreien) überschritten werden - siehe etwa Stephen Hunt oder China Miéville. "Das Herz von Veridon", der Debütroman des US-Amerikaners Tim Akers, fällt eindeutig in die zweite Kategorie. Das wird einem spätestens klar, wenn man diese Beschreibung eines Luftschiff-Kapitäns liest: Er war noch an das Luftschiff angeschlossen. Kabel steckten in den Zinnaugen, der Herzmechanismus ragte aus der origamiartigen Brust, Zahnräder griffen in die Schnittstelle der Kammer ein, Rohre und Schläuche verliefen unter seiner Haut und mündeten in die Leitungen seiner Knochen. Für ein ungeschultes Auge sah es grauenhaft aus, wie eine halb vollendete Sektion.

    Willkommen im Stadtstaat Veridon, der jüngsten Schwester von Miévilles New Crobuzon und Hunts Jackals. Erbaut über einem Fluss, drängeln sich zwischen und über ihren zahllosen Kanälen die Gebäude, und aus den meisten davon steigt öliger Rauch empor. Selbst die Kirche präsentiert sich als qualmender Industriekomplex, aber sie heißt ja auch Kirche des Algorithmus und ist die Kirche der Kolben und Getriebe, der verwinkelten Antriebsscheiben, der klickenden Anker, der in heiligem Takt rotierenden Räderwerke - ein Tempel aus Mechanik und Öl. Gott ist eine Gleichung und Religion die Suche nach Mustern. Die neue zumindest, denn die Götter der alten Religion sind immer noch da und schweben in körperlicher Gestalt über dem Boden; bloß hat man inzwischen Gebäude um sie herum errichtet, um sie den Blicken der neuen Kirche zu entziehen. Überhaupt ist Veridon eine Stadt im Wandel: Die einstigen Gründerfamilien verlieren ihre Macht allmählich an die Neureichen und an den Rändern leben immer noch die, die schon vor den Menschen da waren. Wie die Anansi - halb Mensch, halb Spinne - oder unten im Fluss die Fehn: symbiotische Wesenheiten aus Würmern und den Körpern toter Menschen.

    Angetrieben - im doppelten Sinne - wird die industrielle Revolution Veridons von den Mechagenen, avancierten Maschinenteilen, die in der Stadt niemand nachbauen kann. Sie kommen in unregelmäßigen Abständen auf Schiffen den Fluss heruntergetrieben, Herkunft unbekannt. Ein solches Mechagen wird dem Ex-Piloten Jacob Burns eines Tages in die Hand gedrückt, kurz bevor das Luftschiff, auf dem er sich gerade als Passagier aufhält, abstürzt. Jacob überlebt den Absturz als einziger, und es war nicht sein erster: Ein Unfall erstickte einst seine Pilotenkarriere im Keim, und seitdem wird der Spross aus gutem Hause gemieden. Mit Auftragsarbeiten für ein Verbrechersyndikat hält Jacob sich über Wasser - ein typischer Anti-Held in räudigem Umfeld also: Steampunk mit Betonung auf -punk.

    Da Jacobs Mechagen allseits Begehrlichkeiten weckt, setzt sich bald ein Plot bekannter Machart - aber rasant erzählt - in Gang: Ein Ding wird gesucht, alle jagen hinterher. Jacob und seine Bekannte, die mögliche Doppelagentin Emily, sowie der Anansi Wilson stehen dabei auf der einen Seite, die Redshirts diverser Interessengruppen - vom Adel bis zum organisierten Verbrechen - auf der anderen. Als Wild Card ist noch ein marodierendes mechanisches Wesen im Spiel - in etwa die Terminator-Version eines Engels. Die Jagd führt von den versifftesten zu den glamourösesten Orten Veridons - ganz wie in einem Noir-Krimi ist die Stadt dabei nicht nur Schauplatz, sondern selbst schon Protagonist. Und während die nominellen Hauptfiguren ihren gehetzten Trip absolvieren, lüftet sie nach und nach auch ihre Geheimnisse. Zum Teil jedenfalls, denn "Das Herz von Veridon" ist erst der Anfang einer Trilogie.

    Dark Fantasy, Krimi, New Weird, möglicherweise SF (wer ist es, der da irgendwo flussaufwärts solche Wunder der Technik herstellt?) ... viele Genres haben in Akers' Roman Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt auch der Body Horror: Wenn Menschen mechanische Engramm-Käfer in den Mund gelegt werden, um sie für eine neue Funktion buchstäblich von innen her umzukrempeln, ist dies eines der krasseren Beispiele für die invasiven Technologien, die in Veridon gang und gäbe sind und weite Teile der Stadtbevölkerung zu Cyborgs machen. Aber eben nur eines davon. Sekundärblut und Fötalmetall ... Akers' Steampunk-Konzept hat einen Grad von Körperlichkeit, der in einem visuellen Medium - sei es Film oder Comic - besonders gut rüberkommen müsste. Sollte sich jemals ein Studio die Filmrechte an "Veridon" sichern, kann H. R. Giger jetzt schon die Stifte anspitzen. So weit sind wir zwar noch nicht - aber immerhin folgt schon Anfang Dezember mit "Die Untoten von Veridon" (im Original "Dead of Veridon") Teil 2.

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