Rundschau: Do you speak Alien?

    Ansichtssache13. Oktober 2012, 10:13
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    Kontaktversuche zu Fremden in Romanen von China Miéville, Terry Pratchett, Rob Reid und Robert L. Forward

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    coverfoto: del rey

    Rob Reid: "Year Zero"

    Gebundene Ausgabe, 357 Seiten, Ballantine Books/Del Rey 2012 

    1977 war "Year Zero", das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen ... ohne es überhaupt zu bemerken. Und erst recht ohne zu wissen, dass wir damit draußen im Universum eine Kulturrevolution ausgelöst haben. Womit? Mit der Titelmelodie einer hierzulande unbekannten Sitcom - das war nämlich die erste Übertragung, die von der Erde in die aus unzähligen Völkern bestehende Refined League vorgedrungen ist. Und seitdem sind sämtliche Aliens der Galaxis und darüber hinaus süchtig nach irdischer Musik. Am meisten nach Classic Rock, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Und mit Feinheiten braucht man ihnen in dem Bereich ohnehin nicht zu kommen: Zwar ist man in der league in wirklich jeder Beziehung maximal refined (die irdische Hauptfigur des Romans fällt beim Besuch einer Alien-Wohnung vor Wonne fast ins Koma, weil Teppich, Vorhänge und Nippes so unsagbar harmonisch aufeinander abgestimmt sind ...), nur in der Musik bringt man jenseits der Erde außer dissonantem Gekreische und Stampfen ohne Taktgefühl einfach nichts zustande. Also wird seit Jahrzehnten die gesamte Musikproduktion der Menschheit raubkopiert und ins All versandt.

    ... und das wird jetzt zum Problem, wie Nick Carter, Angestellter einer auf Copyrightfragen spezialisierten Anwaltskanzlei, bemerkt, als eines Tages zwei Aliens vor ihm stehen. Recht menschlich aussehend eigentlich, wenn auch exzentrisch gekleidet: Frampton in Imam-Kluft, aus der ein knallroter Haarschopf quillt (die Erklärung für dieses Outfit wird später zu einer besonders komischen Szene; Nick nennt Frampton jedenfalls provisorisch "O'Sama"). Und seine Schwester Carly, die Sexshop-Ausgabe einer Nonne. Die beiden haben Nick zwar ursprünglich ausgesucht, weil sie ihn für den gleichnamigen Backstreet Boy hielten, aber was sie ihm dann zu erzählen haben, zieht Nick die Schuhe aus: Die Liga hat festgestellt, dass sie der Menschheit Tantiemen schuldet (die nicht zuletzt dank Nicks Firma astronomisch sind) und lässt nun über ihre Abgesandten das Understatement des Jahrtausends ausrichten: "We need a licence to all of humanity's music. One that will allow ... a rather large number of beings to play it." Das Ausmaß wird Nick erst so nach und nach bewusst: "So, how much money does the Refined League owe our music industry at this point? - "All of it." - "All of it? As in ...?" - "As in, all of the wealth ever created throughout every cubic inch of the universe since the Big Bang." - "All that, huh?" - "As in, all of the wealth that could conceivably be created by every conscious being that will ever live between now and the heat death of the universe, trillions of years in the future." - "Damn that's a lot."

    Dafür eine juristische Lösung zu finden, wäre schon schwierig genug. Doch leider drängt auch noch die Zeit: Aufgrund des bevorstehenden Universalruins denken einige Kräfte in der Liga nämlich an eine radikalere Lösung. Keine direkte Zerstörung der Erde - es würde schon reichen, bei der ohnehin sehr wahrscheinlichen Selbstauslöschung der Menschheit ein kleines bisschen nachzuhelfen. Agenten wurden bereits auf die Erde geschickt (ein Staubsauger-Lookalike mit wenig Grips und ein obszöner "Papagei"). Zum eigentlichen Schlag konnte aber wegen der Townshend Line noch nicht ausgeholt werden: Jener Barriere, die einst um unser Sonnensystem gelegt wurde, um Zillionen Fans von The Who vom Sturm auf die Erde abzuhalten. Dummerweise ist die aber eher ein Gerücht als wirklich wirksam, wie Carly & Frampton kleinlaut gestehen. Und schlimmer noch: In der galaxisweit übertragenen Musik-Soap, die ausgerechnet ihr Vater produziert, wird bald verkündet werden, dass es die Townshend Line gar nicht gibt: Der Countdown läuft. - So, damit hätten wir dann alle Hirnriss-Faktoren beisammen, die Nick und seine Wohnungsnachbarin Manda in einen Wettlauf gegen die Zeit treiben.

    "Year Zero" ist das dritte Buch des US-Amerikaners Rob Reid, und es fallen einem auf Anhieb einige Titel ein, die es beeinflusst haben. Zwei davon, nämlich John Scalzis "Agent der Sterne" und natürlich Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis", hat Reid auch explizit auf die Liste seiner zehn Lieblingsbücher gesetzt. Der Humor ist ganz der von Adams as opposed to Terry Pratchett. Soll heißen: Hier wird kein Wert darauf gelegt, einer humoristischen Welt auch nur den geringsten Hauch von Möglichkeit zu belassen; sie führt sich durch die von ihr produzierten Gags selbst ad absurdum. Nehmen wir nur die pluhhhs ... ups, das war schon falsch: Nehmen wir pluhhhs, ein Volk, das so uninteressant ist, dass es weder großen Anfangsbuchstaben noch bestimmten Artikel verdient, und das den Test der Evolution dadurch bestand, dass seine natürlichen Feinde vor Langeweile ausgestorben sind. Oder die Idee, dass Ruhm eine messbare physikalische Eigenschaft sei - solche Einfälle entsprechen der Adams-Schule ebenso wie die zahlreichen Fußnoten, Wortspiele und Außerirdische, die nichts anderes sind als menschliche Karikaturen vor Papp-Hintergrund. Und natürlich herrlich beschriebene Situationskomik - etwa wenn die menschenähnlichen Perfuffinites zu galaxienübergreifenden Superstars geworden sind, weil sie zu menschlicher Musik aus der Konserve die Lippen bewegen: an entire race of Milli Vanillis.

    Das Lachen gefriert einem ein wenig - und das ist auch gut so -, wenn Reid sein satirisches Auge auf die Musikindustrie richtet. Die Idee, dem Kongress Filesharing als "Terrorismus" zu verkaufen, stößt in Nicks Kanzlei auf großes Wohlwollen. Und scheint fast der nächste logische Schritt nach dem Aufsehen erregenden Präzedenzfall Jammie Thomas-Rasset zu sein. Wir erinnern uns: Erst letzten Monat ist die US-Amerikanerin, auf die Reid in seinem Roman explizit eingeht, erneut zu einer Strafe von 222.000 Dollar verdonnert worden. Für die Verbreitung von ganzen 24 Songs! Da wirkt es nicht einmal mehr übertrieben, wenn Reid vom Hass der Labels auf alles, was mit Musik zu tun hat, schreibt: Von den KünstlerInnen über die Radiostationen bis zu den KonsumentInnen ("they're all a bunch of downloading geek bastard thieving-ass thieves!"). Paradoxer, bizarrer und gruseliger als die Realität kann eben nicht einmal Reids fiktives Universum sein. Hier sind so einige Erfahrungen eines Mannes eingeflossen, der ursprünglich aus der IT-Branche kommt und das Geschäft von verschiedenen Seiten kennengelernt hat. Siehe dazu auch sein vorangegangenes Buch "Architects of the Web", eine Geschichte des Internets.

    Diese Verankerung in der Realität tut dem Roman gut und hebt ihn über den Status einer schnell wieder vergessenen Gag-Parade hinaus. Auch wenn die Gags oft wirklich klasse sind. Etwa wenn sich ein außerirdisches Kommunikationsgerät erst als Feuerring mit donnernder Stimme präsentiert und dann nach einem für Menschen geeigneteren Interface sucht - zum Entsetzen aller Anwesenden verfällt es dabei auf ... "Clippy", den einstigen Office Assistant von Microsoft. Der Auftritt eines versteckt auf der Erde lebenden Außerirdischen mit sehr prominentem Namen am Ende des Romans hat's auch in sich ... und liefert nebenbei eine äußerst plausibel wirkende Erklärung dafür, warum die Menschheit in ihrer Entwicklung stagniert. - So schlägt man "Year Zero" schließlich nach jeder Menge Lacher zu und verspürt leises Bedauern darüber, vermutlich nie wieder eine ernsthafte Ermahnung wie diese lesen zu können: "Oh, don't pretend your're some naive, uneducated nitwit - it's beneath the dignity of a Backstreet Boy."

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