Rundschau: Do you speak Alien?

    Ansichtssache13. Oktober 2012, 10:13
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    Kontaktversuche zu Fremden in Romanen von China Miéville, Terry Pratchett, Rob Reid und Robert L. Forward

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    coverfoto: manhattan

    Terry Pratchett: "Steife Prise"

    Kartoniert, 445 Seiten, € 18,50, Manhattan 2012 (Original: "Snuff", 2011)

    Bis zu einem gewissen Grad trägt man natürlich Eulen nach Athen, wenn man verkündet, dass ein neuer Terry Pratchett auf dem Markt ist. Eingefleischte Scheibenwelt-Fans haben ihn sicher längst vorbestellt und auf jeden Fall durchgeschmökert, ehe man eine Rezension online stellen kann. Aber es gibt ja noch die GelegenheitsleserInnen. Für die also sei gesagt: Der neue Roman ist da ... inklusive eines Titelbilds, das mir einen mittelschweren Uncanny-Valley-Effekt beschert. Dafür aber ganz ohne Cameo-Auftritt von Tod, na sowas.

    Alleine schon die Prämisse des Romans wird Pratchett-KennerInnen vorausahnend grinsen lassen: Samuel Mumm, pflichtbewusster Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork, wird von seiner adeligen Gattin Lady Sybil zu einem Urlaub verdonnert. Auf dem Land. Dass sich eine Stadtpflanze wie Mumm, der Bäume als "steifes Unkraut" wahrnimmt, dort nicht gerade heimisch fühlt, liegt auf der Hand. Die verheißene ländliche Stille präsentiert sich ihm so: Und dann, um fünf Uhr in der Frühe, drückte Mutter Natur auf einen Knopf, und die Welt drehte schier durch: Jeder vermaledeite Vogel und jedes vermaledeite Säugetier und, nach den Geräuschen zu schließen, auch jeder vermaledeite Alligator versuchte aus Leibeskräften, alle anderen zu übertönen. 

    Aber natürlich tummelt sich rings um Gut Käsedick noch mehr als die erbauliche Fauna: Nämlich vor allem Goblins, kleine Geschöpfe von bescheidener Schönheit, aber imposantem Gestank, die von den übrigen Scheibenwelt-Intelligenzwesen seit jeher geschnitten und - trotz unverkennbarer (wenn auch seltsamer) Kultur - wie Tiere behandelt werden. Für Mumm ist der Tod eines Goblin-Mädchens jedoch eindeutig als Mord zu werten. Ohnehin hatte er von Anfang an geargwöhnt, dass irgendetwas im Landidyll mächtig stinkt ... und zwar nicht die Goblins. Fast erleichtert, dass sich sein Verdacht bestätigt hat, nimmt Mumm Ermittlungen auf, die ihn in erlauchte Kreise ebenso wie auf eine rasante Verfolgungsjagd mit Flussschiffen führen werden. Und die bis nach Ankh-Morpork zurückreichen, wo gerade ein neues Produkt auf den Markt kommt - siehe die Doppelbedeutung des Originaltitels "Snuff". Für den Leser gibt es kein großes Rätselraten, wie die verschiedenen Plot-Elemente zusammengeführt werden, aber bei Pratchett ist ohnehin der Weg das Ziel. Und den geht man hier genauso gerne wie eh und je.

    ... ich zumindest. Seit einigen Jahren laufen in den diversen Online-Foren ja die Diskussionen heiß, dass Terry Pratchett nicht mehr so gut sei wie früher. Mal abgesehen von unzulässigen Ferndiagnosen, wie sich seine Alzheimer-Erkrankung auf die neueren Romane ausgewirkt haben könnte, liest sich das ein bisschen wie der Björk-Effekt: "Also das letzte Album ging ja noch, aber jetzt ist sie endgültig unhörbar geworden" (und das gleichlautend seit mindestens fünf CDs geäußert). Kann ich ehrlich nicht bestätigen: "Steife Prise" liegt weit innerhalb der Scheibenwelt-Bandbreite, zwischen früheren Ruhmestaten - mein persönlicher Liebling "Einfach göttlich" ("Small Gods") ist übrigens gerade in deutschsprachiger Neuausgabe wiederveröffentlicht worden - und schwächeren Werken wie "Unseen Academicals". Und die immer wieder mal auftauchende Minderheitsmeinung, dass die neueren Scheibenwelt-Romane gar nicht mehr von Pratchett geschrieben seien, ist einfach lächerlich.

    Wie gewohnt strotzt der Roman vor ironischen Betrachtungen einer Fantasy-Welt, die in Wirklichkeit natürlich die unsere meint. Die Umtriebe des müßiggehenden Adels bilden dabei eines der zentralen Motive. Mumm, der im Lauf der Jahre ohnehin immer mehr zu Pratchetts Sprachrohr geworden ist, lässt es sich nicht nehmen, die gar nicht so feine Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen, wenn's gerade mal nötig ist - mit vergnüglichem Ergebnis. Noch wichtiger aber ist das Motiv der Integration, das sich wie ein roter Faden durch drei Jahrzehnte Scheibenwelt zieht. Das gilt für die individuelle Ebene, wenn Mumm anfängliche Feinde zu Verbündeten macht, mehr noch aber fürs Gesamtgesellschaftliche - einmal mehr wird ein diskriminiertes Volk zur allgemeinen Anerkennung finden. Interessanterweise klingt in "Steife Prise" aber auch zum ersten Mal so etwas wie die Schattenseite der von Mumm und Lord Vetinari forcierten Integrationspolitik an: Auf einem Nebenschauplatz unterhalten sich Mitglieder der multikulturellen Stadtwache darüber, dass die nicht-menschlichen Völker der Scheibenwelt durch ihre Einbindung allmählich zu "Menschen" gemacht würden. Im ganz Kleinen hinterfragt Pratchett hier sein System ... sollte er sich entschließen, dies noch auszubauen, könnten sich spannende Dinge tun, falls der gesamte Scheibenwelt-Komplex tatsächlich noch einmal zu einem inhaltlichen Abschluss gebracht wird. Und nicht einfach aufgrund von Pratchetts Lebensumständen - leider, leider - auslaufen muss.

    War "Unseen Academicals" ein wenig zerspragelt, so fokussiert Pratchett hier wieder aufs Wesentliche, soll heißen: auf Mumm. Neben ihm geben sich die Nebenfiguren die Klinke in die Hand, von Sybil über Klein-Sam und den mörderisch begabten Butler Willikins bis zum hoffnungsvollen Dorfpolizisten Volker Aufstrich und einer aufklärerisch veranlagten Kinderbuch-Autorin - Mumm aber überstrahlt sie alle. Dass er nicht mehr ganz derselbe ist wie früher, sollte nicht verwundern, immerhin ist er mittlerweile verheiratet, adelig und Vater. Und trägt zudem seit einiger Zeit den Rest eines dunklen übernatürlichen Wesens in sich (das er natürlich mit dem üblichen Pflichtbewusstsein im Zaum hält). Alle Wandlungen seit den ersten Wache-Romanen sind also wohlbegründet, Mumms Grundcharakter ist aber derselbe geblieben. Überhaupt gehören die Personenschilderungen zu Pratchetts Stärken. Ein kleines, aber nicht zu vernachlässigendes Detail zeigt, wie der Autor in dankenswerter Weise seinen Figuren ihre Würde lässt: Wie leicht gäbe die Konstellation adelige Frau und Mann, der sich bewusst danebenbenimmt, Stoff für reihenweise Gags ab. Doch degradiert Pratchett Lady Sybil eben nicht zum dauerindignierten Requisit - im Gegenteil, sie unterstützt ihren Mann nach Leibeskräften. Gelegentliche Standpauken muss er eben abkönnen.

    Zugegeben, man - oder besser gesagt: frau - möchte vielleicht nicht unbedingt Butch sein und sich von Pratchett attestieren lassen, ein Gesicht wie eine Bulldogge, die gerade Essig von einer Distel leckt, zu haben. Derlei Untiefen halten sich aber in Grenzen, und die von manchen LeserInnen beklagten "skatologischen" Elemente des Romans wirken auch nicht so aufgesetzt ... Mumms Sohnemann interessiert sich eben brennend für Kaka; die Erfahrung haben andere Eltern mit ihren Sprösslingen auch schon gemacht. Alles in allem ist der Humor wohldosiert und intelligent - nehmen wir als Beispiel nur einen kleinen, feinen Satz, wie er Pratchett-typischer gar nicht sein könnte: Mumm tat das, was jeder besonnene Ehemann getan hätte, nämlich auf dynamische Weise überhaupt nichts. Alles also wie immer. Gut so.

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