Rundschau: Do you speak Alien?

    Ansichtssache13. Oktober 2012, 10:13
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    Kontaktversuche zu Fremden in Romanen von China Miéville, Terry Pratchett, Rob Reid und Robert L. Forward

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    coverfoto: heyne

    David Brin: "Existenz"

    Broschiert, 896 Seiten, € 15,50, Heyne 2012 (Original: "Existence", 2012)

    Wenn ich mir die Postings zu den letzten Rundschauen so durchlese, scheinen sich doch einige für David Brins Roman "Existence", der im Juni veröffentlicht wurde, interessiert zu haben. Trotz einer Fülle an Wortneuschöpfungen ist es kein Problem, den Mammutwälzer auf Englisch zu lesen. Jetzt dürfen sich aber auch alle diejenigen freuen, die doch lieber auf Deutsch schmökern: Seit dieser Woche ist auch die Übersetzung auf dem Markt.

    Die ausführliche Rezension ist hier nachzulesen, ansonsten reicht es, das Szenario noch einmal in ein paar Schlagworten zusammenzufassen. Hauptfigur des Romans ist weniger eine/r der zahlreichen menschlichen (und außerirdischen) ProtagonistInnen als vielmehr unsere Zivilisation an sich. Mitte des 21. Jahrhunderts hat sie sich unter Fortschreibung der gegenwärtigen Tendenzen bis zu einem Punkt geschleppt, an dem alles mit angehaltenem Atem auf einen großen Umbruch wartet. Klimawandel, Wissenschaftsfeindlichkeit insbesondere in den USA, neue Lebens- und Kommunikationsformen durch die erweiterten Möglichkeiten der Informationstechnologie ... all das erleben wir bereits heute, Brin hat es lediglich ein, zwei Schritte weiterdenken müssen. Das Szenario wirkt wie ein bis zum Anschlag gespanntes Gummiband: Symbolisch dafür eine neue politische Gliederung der Weltgesellschaft, die eher wie ein letzter Waffenstillstand wirkt, um den finalen Krach noch einmal hinauszuzögern.

    Und just zu diesem brisanten Zeitpunkt erfolgt der Erstkontakt. Noch dazu in ganz anderer Form, als alle gedacht hatten: Kein Raumschiff, keine Funkbotschaft - stattdessen ein Kristall, der auf die Erde niedergegangen ist und die holografischen Kopien zahlloser Aliens unterschiedlichster Herkunft enthält. Die sich überdies recht seltsam verhalten: Wie Kinder mit Plapperbedarf schubsen sie sich gegenseitig aus dem Weg, um mit ihrem menschlichen Kontakt sprechen zu können. Dabei nehmen die Gespräche eine unerwartete Wendung, und ich hab mir beim Lesen des Originals noch gedacht: Verdammt, auf Deutsch geht das nicht. Armer Übersetzer. Und kurz darauf: Halt, geht ja doch - sogar ganz einfach. Der Blick in die deutsche Ausgabe zeigt allerdings, dass diese Chance großzügig ignoriert wurde. Zum Glück werden noch andere Twists kommen, aber der wurde vergurkt.

    Zwar muss sich Brin die Kritik gefallen lassen, seine eigentlich sorgsam aufgebauten Figuren wie einen kalt gewordenen Langos fallenzulassen. Als in Romanform gegossene Betrachtung über die Überlebenschancen der menschlichen Zivilisation - bzw. von Intelligenz und Zivilisation überhaupt - ist der Roman aber nicht nur dick, sondern auch wirklich groß.

    An dieser Stelle folgen in der Regel orakelhafte Andeutungen über den Inhalt der nächsten Rundschau. Das muss diesmal entfallen - außer dem Hinweis, dass sie im November kommen wird. Zwar liegen reichlich Bücher bereit, bloß habe ich noch keine Auswahl getroffen. Daher: [insert cliffhanger here]
    (Josefson, derStandard.at, 10. 10. 2012)

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