Weit, weit weg

Blog21. August 2012, 05:30
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Tibet ist viel weiter weg als man denkt – denn Entfernungen sind nicht nur in Kilometern messbar

Es gab nun schon seit zwei Wochen keinen neuen Blog von mir. Der Grund ist schlicht und einfach: Ich hatte keine Möglichkeit auf das Internet zuzugreifen. Ich war in den tibetischen Gebieten Chinas wohl so weit von Internet und modernen Medien entfernt, wie man es nur sein kann. Dafür gab es Yaks, Tempel und eine der höchsten Städte der Welt.

Yakbutter statt grüner Tee

Wenn man in den Norden von Yunnan und dann weiter nach Norden reist, befindet man sich in tibetischem Gebiet. Offiziell gehört es zwar nicht zur Autonomen Region Tibet, aber faktisch ist die vorherrschende Kultur tibetisch. Man steht plötzlich alleine da mit Mandarin-Kenntnissen und chinesisches Essen zu bekommen, wird immer schwerer. Grüner Tee ist auch eine Seltenheit. Dafür weiden riesige Hochgebirgs-Yaks am Straßenrand und man wird überall auf einen Yakbuttertee eingeladen, an den sich die westlichen Geschmacksnerven und Mägen zuerst einmal gewöhnen müssen. „Aber du hast keine Wahl. Erstens: Es gibt hier sonst nichts zu trinken. Zweitens: Er ist gut gegen die Höhenkrankheit und die chronischen Erkältungen, die Jeder in den Gebiet aufgrund des Klimas hat. Also gewöhn dich lieber schnell dran!", lacht mich ein tibetischer Bekannter aus. Ob der Tee wirklich alle Wunderwirkungen hat, die ihm zugesprochen werden, weiß ich nicht. aber zumindest werde ich auch in Litang, einer der höchstgelegenen Städte der Welt, nicht höhenkrank, und das ist schon einmal eine große Erleichterung.

Überall Yaks

In einer Region, in der es neben Gras und Sträuchern kaum Vegetation gibt, leben die Meisten von Selbstversorgung, und zwar vorwiegend von ihren Yaks, die ihnen von Milchprodukten über Fleisch und Wolle alles liefern, was man für den Grundbedarf braucht. Tibeter respektieren diese und der Reichtum einer Familie wird oft an ihrem Bestand an Yaks gemessen; ein ausgewachsenes Tier kostet je nach Region um 1000 Euro.

Ohne Tempel geht gar nichts

Jede kleine Ortschaft hat in dieser Gegend zumindest eine Stupa, idealerweise einen Tempel, wie klein er auch sein mag. Tempel sind, abgesehen von dem eigenen Zuhause, der wichtigste Ort für Tibeter, die für den Erhalt der Tempel sowohl Geld als auch Arbeitskraft, Zeit und Familienmitglieder opfern. Sie gehen regelmäßig in den Tempel, spenden für den Erhalt, helfen bei anfallenden Arbeiten mit und schicken ihre Kinder als Mönche (und seltener Nonnen) in die Tempel zum Studieren. Die in der Kulturrevolution mit so viel Elan zerstörten Tempel wurden in der Zwischenzeit mit mindestens genauso viel Energie wieder aufgebaut, vielerorts prächtiger als zuvor. Wenn Tibeter überhaupt reisen, dann entweder zu Familienmitgliedern, illegal nach Indien zum Dalai Lama oder zu berühmten Tempeln. Die Tibeter nutzen die mittlerweile erteilte Religionsfreiheit der Zentralregierung deutlich aus.

Weit, weit weg

Die absolute Entfernung von Großstädten wie Chengdu oder Xining ist eigentlich gar nicht groß - doch hohe Berge, extreme Wetterverhältnisse und der Zustand der Straßen macht eine effiziente Verkehrsanbindung wahnsinnig schwer. Nie hätte ich gedacht, dass einhundert Kilometer an einem Tag zu bewältigen so mühsam sein kann, doch die Straße von Ganzi, immerhin der Hauptstadt der Präfektur, nach Dege, wo das größte Kloster der Region steht, ist selbst im Sommer eine Qual. Es gibt zwar offiziell öffentliche Busse, aber die brauchen sehr lange Zeit und man kann nur beten, dass die hochbetagten Fahrzeuge nicht mitten drin zusammenbrechen und ihren verdienten Tod sterben.

Hier ist das Reich der Allradfahrzeuge und Lastwagen. Dementsprechend mangelhaft ist die Versorgung mit vielen Gütern. Gemüse ist relativ rar; Obst ist kaum erhältlich und beides ist horrend teuer: Ein normales Gemüsegericht, das in Kunming etwa acht Yuan kostet, ist hier nicht unter 15 Yuan zu haben. Die Tibeter selbst stört das wenig, denn sie ernähren sich vorwiegend von Yakmilchprodukten, Fleisch und Tsamba, einem Brei aus gemahlener Gerste. Nur die Han-chinesen und die Handvoll Reisender haben es schwer, sich ihren Gewohnheiten entsprechend zu ernähren.

Aber nicht nur die Versorgung mit dem gewohnten Essen ist schwierig. Mobiltelefone funktionieren zwar, dafür ist oft keine Guthaben-Karte erhältlich. Ich musste tagelang auf das Aufladen meiner Handykarte warten, weil regelmäßig die letzte Woche vor Ende des Monats die Guthabenkarten ausverkauft sind und der Nachschub immer erst Anfang des nächsten Monats kommt. Internetverbinndung ist selbst in den"großen" Städten äußerst rar und die existierenden Internetcafés werden von Han-Chinesen betrieben, die den Gesetzen entsprechend nur Leute an die Computer lassen, die einen chinesischen Personalausweis besitzen - also keine reisenden Ausländer. Meine Überredungsversuche waren erfolglos. (An Yan, 21.8.2012, daStandard.at)

  • Die Bundesstraße von Shangri-La nach Xiancheng.
    foto: an yan

    Die Bundesstraße von Shangri-La nach Xiancheng.

  • Eine der seltenen Strecken mit asphaltierter Straße...
    foto: an yan

    Eine der seltenen Strecken mit asphaltierter Straße...

  • ... wenn auch nicht überall sicher.
    foto: an yan

    ... wenn auch nicht überall sicher.

  • Yaks, tibetische Hochgebirgsrinder, sind ein normaler Anblick.
    foto: an yan

    Yaks, tibetische Hochgebirgsrinder, sind ein normaler Anblick.

  • Einer der vielen Tempel, aufwändig gebaut und verziert. Die Häuser daneben sind Mönchsunterkünfte.
    foto: an yan

    Einer der vielen Tempel, aufwändig gebaut und verziert. Die Häuser daneben sind Mönchsunterkünfte.

  • Große Teile des Landes sind unbewohnt, bis auf gelegentliche Zelte der Yakzüchter, die im Sommer ihre Tiere auf Hochgebirgswiesen weiden lassen.
    foto: an yan

    Große Teile des Landes sind unbewohnt, bis auf gelegentliche Zelte der Yakzüchter, die im Sommer ihre Tiere auf Hochgebirgswiesen weiden lassen.

  • "Es fehlt Sauerstoff, nicht die Lebenskraft" - Ein Slogan auf einem Verwaltungsgebäude in Litang, eine der höchstgelegenen Städte der Welt
    foto: an yan

    "Es fehlt Sauerstoff, nicht die Lebenskraft" - Ein Slogan auf einem Verwaltungsgebäude in Litang, eine der höchstgelegenen Städte der Welt

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