Mit Spritzen und Pflastern die Allergie bekämpfen

20. August 2012, 12:13
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Therapien sollen dem Körper helfen, gelassener zu reagieren - Neues vom Europäischen Allergiekongress

Bei Insekten- oder Pollenallergie gibt es schon seit Jahren Immuntherapien. Dabei nimmt der Patient mehrere Jahre eine kleine Menge Allergie-auslösendes Eiweiß über den Mund (sublingual) ein oder bekommt es unter die Haut gespritzt (subkutan), bis sein Abwehrsystem gelernt hat, weniger heftig zu reagieren. "Bei der Nahrungsmittelallergie sind wir aber noch weit davon entfernt, das als Routine anwenden zu können", sagt Karin Hoffmann-Sommergruber, Allergieforscherin an der Med-Uni Wien. Zum einen lässt sich das Immunsystem von Nahrungsmittelallergikern schwerer davon abbringen, ein einmal als "Feind" eingestuftes Eiweiß als "Freund" zu akzeptieren. Zum anderen lösen die Immuntherapien bei Nahrungsmittelallergien häufig Nebenwirkungen aus. Außerdem scheinen andere Abwehrzellen involviert zu sein, die vielleicht eine heftigere Reaktion auslösen.

Auf dem Kongress der europäischen Akademie für Allergie und klinische Immunologie (EAACI) in Genf wurden vor kurzem neue Studien vorgestellt.So konnten Patienten mit einer Allergie gegen Haselnüsse nach einer sublingualen Immuntherapie eine etwas größere Menge Nüsse essen.

Neue Patch-Immuntherapie

Bei Allergien, die sich durch eine Kreuzreaktion entwickelten, funktioniert es dagegen weniger gut. Noch deprimierender waren Studien mit einer subkutanen Immuntherapie bei Patienten mit Erdnuss-Allergie: Die Studien mussten wegen Nebenwirkungen abgebrochen werden. "Vielleicht müssen wir die Eiweiße verändern oder Hilfsstoffe geben, damit die Therapie besser wirkt", sagt Thomas Werfel, leitender Allergologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. Für vielversprechend hält er die neue Patch-Immuntherapie, bei der die Eiweiße aus Hautpflastern in den Körper gelangen. Kinder mit Milch- oder Erdnuss-Allergie vertrugen danach mehr von diesen Lebensmitteln bei milden Nebenwirkungen.

Bei einem anderen Verfahren werden IgE-Antikörper gespritzt, um damit die körpereigenen Abwehrstoffe zu blockieren. Gut wirkt bisher die spezifische orale Toleranzinduktion. Dabei muss der Patient jeden Tag eine kleine Menge des Allergie-auslösenden Nahrungsmittels essen. In kleinen Studien konnten Leute mit einer Allergie gegen Ei, Erd- und Haselnüsse oder Milch nach der Therapie mehr davon vertragen. Bei der Ei-Allergie wurde das jetzt in einer besseren Studie mit mehr Patienten bestätigt (NEJM, Bd. 367, S. 233). "Damit lähmt man das Abwehrsystem", erklärt Werfel. Aber unterbricht man die Therapie, geht der Schutz meist verloren. Noch ist unklar, ob und welcher dieser neuen Therapieansätze sich durchsetzen wird.

Um die Sicherheit von Allergikern zu verbessern, startete die EAACI kürzlich eine neue Kampagne. An öffentlichen Orten in Europa sollen in Zukunft Allergie-Notfall-Spritzen zur Verfügung stehen, die Laien leicht anwenden können. "Damit kann man einem Allergiker das Leben retten", sagt der Allergologe Werfel. (fewi, STANDARD, 20.8.2012)

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