Das Labyrinth der Fälschungen

12. August 2003, 19:45
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Gerhard Roths "Orkus"-Zyklus: Eine Ausstellung im Grazer Literaturhaus

Wien - Andere schreiben schon gleich einmal gar keine Romane (sondern nur noch Splitter, Bruchstücke, sozusagen Fragmente zu Lebzeiten, wie schon Robert Walser). Gerhard Roth aber schreibt Romanzyklen, die allerdings aus Tausenden Teilchen, Zetteln, Fotos zusammengefügt sind: Fragmente in Romanform, komponierte Bruchstücke, ihrer Materialität halber - Tausende Fotonotizen begleiten die Romanentstehung - ideal für eine Ausstellung.

Kloster und Walfang

Fotos, Notizhefte, Karten, Klänge aus diesem Zyklus präsentiert das neue Grazer Literaturhaus, mit Material aus dem riesigen Vorlass, den das Land Steiermark und die Stadt Graz für 508.000 Euro erworben und dem (ins Literaturhaus eingegliederten) Nabel-Institut überlassen haben.

Zu sehen und auch zu stolpern ist hier viel, geführt von einem weißen Ariadnefaden durch sechs Stationen: von der Hütte eines Tierpräparators am Neusiedler See über ein spanisches Walfangmuseum zu japanischen Zierfischen, von Klosterhöfen in Athos (samt Reiseprospekten) über die Totenstadt in Kairo zu japanischen Tempelanlagen. Was bei einem Gang durch dieses Labyrinth sogar physisch, im Atmen, erfahrbar wird, ist: Schon der einzelne große Roman hat es mit einem längeren Prozess des Lebens und Wahrnehmens und Atmens zu tun; der Romanzyklus kann diese Kreisbewegung aber weit ausdehnen, Forschungsreisen nach außen - Roths Zyklen sind in verschiedensten Ländern und Weltteilen angesiedelt - und innen unternehmen: Die Archive des Schweigens hieß der erste, siebenbändige Zyklus. Der mit Der See 1995 begonnene, auf sechs Bände hin angelegte, zweite wird Orkus. Im Schattenreich der Zeichen heißen.

Den ersten Zyklus bezeichnet Roth in einem Gespräch im ausgezeichneten Katalog (Daniela Bartels/Gerhard Melzer, Springerverlag, € 35,-) als seine Ilias, den zweiten als seine Odyssee. Vorarbeiten und Skizzen zeigen, dass der Ulysses von Joyce dem Autor als Modell, aber auch als Kontrafaktur dient. Die mit Anstrichen, Notizen, Kritzeleien übersäte Ulysses-Einführung von Anthony Burgess liefert die Absprungbasis zur Erkundung verschütteter Welten.

Sumpfiges Wissen

Aber auch dieses Wissen ist ein Labyrinth, das dem Romanautor bald keine Sicherheit mehr bieten kann, wo sich Wahrheit immer wieder neu verbirgt, neu von verschimmelten Wänden - auch diese in guten Fotografien präsent - gekratzt werden muss. Einkreisungen des Wissens und Nichtwissens also, Wendeltreppen, Abstiege in Archive: Bibliotheken, Klöster, Labyrinthe: "In den Archiven des Schweigens wird sozusagen die Schuld gezeigt. Im ganzen Orkus-Zyklus geht es dann um Fälschungen, ein Labyrinth, dem man permanent ausgeliefert ist. Auch wenn man eine Vergangenheit noch so klar vor sich hat, merkt man, wenn man an der Oberfläche kratzt, etwas Verborgenes dahinter, etwas Verdecktes, Gefälschtes", sagte Gerhard Roth im Gespräch mit Daniela Bartens.

Hier: Bilder einer Ausstellung als Weg in einen vertieften Realismus, in einer Kartografie, die jeden scheinbar festen Boden wieder entzieht.

(Richard Reichensperger/DER STANDARD; Printausgabe, 28.06.2003)


Literaturhaus, Elisabethstr. 30,
bis 24. 8. (tgl. 10.00-16.00)
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