Wo einst der Wiener Hof tanzte

28. Juni 2003, 12:10
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Koalitionsausflug ins Marchfeld: Die schwarz-blaue Glückseeligkeit zeigt erste Kratzer

Die Koalition versuchte ihre Krise bei einem Ausflug zu den Marchfeld schlössern wegzulachen und zu vergessen. Das wollte nicht ganz gelingen – zu sehr überschattete ein Nichtanwesender die ganze Stimmung: Jörg Haider.

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Der Finanzminister ist in Kalamitäten wegen seiner Spesen? Der Vizekanzler hat mit seinen "Parteifreunden" zu kämpfen? Höchste Zeit, diese Sorgen einmal hinter sich zu lassen. Fand zumindest die Koalition und begab sich am Freitag auf einen Regierungsausflug ins Marchfeld. Um die barocken Festschlösser zu bestaunen, die Atmosphäre von Prinz Eugen zu genießen und fröhlich wie beim Schulausflug durch die Wiesen zu radeln. Fast wie in den guten alten Zeiten von Schwarz-Blau I, als Jörg Haider noch ruhig war und die Koalition noch traute Einigkeit demonstrieren konnte – schön inszeniert für die Fotografen.

Diesmal wollte das nicht gelingen. An der Inszenierung lag es nicht, die Prinz-Eugen- Schlösser hätten eine wunderbare Kulisse geboten, und auch der umtriebige Helmut Pechlaner, seit der Ausgliederung der Schlösser mit seiner Schönbrunn GesmbH neuer Chef, bemühte sich mit allerlei Scherzchen, lustige Betriebsausflugsstimmung aufkommen zu lassen. Vergeblich: Die Koalitionskrise und die schwelende Führungsdebatte in der FPÖ ließ sich auch einige Kilometer weg von Wien, auf den ehemaligen Festschlössern des Wiener Hofes, nicht einfach vergessen und weglachen.

Galgenhumor

Auch wenn es einige Regierungsmitglieder mit Galgenhumor versuchten. Herbert Haupt an Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer: "Du hast das richtige T-Shirt an, da steht Boss drauf – so eines muss ich mir jetzt auch kaufen." Oder Wirtschaftsminister Martin Bartenstein an Staatssekretärin und Haider- Schwester Ursula Haubner: "Keine Angst, wenn ich mich zu dir stelle, du hast von mir weniger zu befürchten als von deinem Bruder." Andere Minister griffen gar zu Selbstironie, um eigene Affären mit Humor zu nehmen – wenn etwa Schuhrabattexperte Bartenstein und Inszenierungsexperte Karl-Heinz Grasser ihre Schuhe verglichen. Selbst wenn sich alle bemühten, wenigstens für die Fotografen und Kameraleute zu lachen und die schreckliche nette Koalitionsfamilie zu geben – durchzuhalten war diese Inszenierung nicht.

Ernste Gespräche ...

Zu oft zogen sich einzelne Minister hektisch telefonierend zurück, zu ernst redete Kanzler Wolfgang Schüssel auf Vizekanzler Haupt ein (beide übrigens im Gestreiften-Leiberl-Partnerlook), zu sehr fiel das Fehlen von FPÖ- Klubchef Herbert Scheibner auf. Zu sehr war der Ausflug von der Frage dominiert, ob denn Jörg Haider die FPÖ- Spitze übernehmen würde.

Und von der Sorge darüber. "Eine Ämtertrennung zwischen Parteichef und Vizekanzler ist nicht üblich und kann wohl auch schwer funktionieren", zweifelte etwa Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat daran, wie man künftig mit der FPÖ umgehen sollte. Finanzstaatssekretär Alfred Finz sorgte sich, wie denn Haider dann Regierung und Opposition gleichzeitig sein wolle. Und Innenminister Ernst Strasser bangte, ob dann die Regierungsarbeit noch funktionieren könne. Dass Haupt immer wieder versicherte, er sei mit Haider in "bestem Einvernehmen", konnte da nicht wirklich beruhigen.

... inszenierte Bilder

Nur einer wollte das Thema Nummer eins demonstrativ nicht ansprechen: Kanzler Wolfgang Schüssel. Sollte doch der Regierungsausflug den Abschluss der Pensionsreform feiern und eine heile Koalitionswelt zeigen. So ließ sich Schüssel lieber mit Pferden abfotografieren oder stellte sich mit Haupt vor einen Pferdewagen, um den Scherz anzubringen: "Wir zwei sind die Kutschpferde des Landes."

Auch wenn unklar ist, wie lange Haupt noch Zugpferd der FPÖ sein wird – einen Sieg konnte er am Freitag verbuchen: Überholversuche von Rauch-Kallat blieben erfolglos und führten nur zu einer Beinahekollision mit Schüssel – Haupt beendete die Radtour als Erster. Aber Haider war ja auch nicht dabei. (Eva Linsinger/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.6.2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Schüssel und Haupt im Partnerlook

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