Burgenlandkroatisch: Wenn müde Kicker schwanger sind

7. August 2012, 18:23
48 Postings

Das Burgenlandkroatische ist eine alte, für neuzeitliche Kroaten manchmal auch verwirrende Sprache

Željezno/Eisenstadt - In Kroatien hält man die Burgenländer gemeinhin für Slowenen. "Unsere Betonung", sagt Fred Hergovich, der Chef der ORF-Volksgruppenredaktion, "ergibt eine dem Slowenischen ähnliche Sprechmelodie." Das aber ist nicht der einzige Unterschied zum kroatischen Kroatisch. Bei weitem nicht.

Was das Kroatische zum Burgenlandkroatisch macht, ist vor allem das Was. Als man in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Kroatische auf jenen Dialekt hin standardisierte, der das Fragewort "was" als "što" festschreibt, gingen die Burgenländer nicht mit. Sie fragen bis heute in der Mehrzahl mit "ča".

Außer jene am ungarischen Südufer des Neusiedler Sees. Die fragen, so wie die Zagreber, mit "kaj". Und in der romanisch inspirierten südburgenländischen Vlahia, wo "Hose" nicht "hlače" heißt, sondern "pantalone", gilt seit eh und je das "što".

Das Burgenländische entspricht jenem istrisch-dalmatinischen Zungenschlag, der den hiesigen Čakavern die schöne Bezeichnung "vodeni hrvati" eingebracht hat, Wasserkroaten.

Die Siedler, die ab dem 16. Jahrhundert ins Land kamen, brachten ihre jeweiligen Dialekte mit, die hier, isoliert, sich erhielten und mit deutschen und ungarischen Vokabeln anreicherten.

Verwirrung im Burgenland

Tausend heißt da etwa nicht "tisuću", sondern nach dem ungarischen "ezer" "jezero", was eigentlich "See" heißt. Der Burgenländer verlässt sich auf den Sinn des Zusammenhangs. Das kann aber dennoch für Verwirrung sorgen, wie ein im Burgenland tätiger kroatischer Fußballtrainer gerne erzählt. Ein Spieler sei vorm Training zu ihm gekommen. Er wäre "trudan". Es dauerte eine Weile, bis der Trainer verstand, dass der Spieler "müde" war. Und nicht "schwanger".

Burgenlandkroatisch wird auch im angrenzenden Ungarn und der Slowakei gesprochen. Jene Kroaten, die im niederösterreichischen Weinviertel bis nach Mähren hinauf lebten, assimilierten sich. Eine Entwicklung, die lange Zeit auch die sozialdemokratischen Kroaten im Auge hatten. Bis Norbert Darabos, jetzt Verteidigungsminister, und Martin Ivancsics, einst Büroleiter von Landeshauptmann Hans Niessl, erfolgreich Einspruch erhoben. Heute ist die Assimilation kein Parteiprogrammpunkt mehr. Nur noch eine faktische Unabwendbarkeit, wie nicht wenige Burgenländer fürchten.

Aussterben oder Nichtaussterben ist eine sprachpflegerische Frage. Die Frage, ob man bei dem Čakavischen bleiben soll oder nicht. Die dörfliche Sprachgemeinschaft, wie Fred Hergovich sie noch in den 1960er-Jahren im mittelburgenländischen Frakanava/Frankenau erlebte, gibt es so nicht mehr. Kroatisch zu sprechen ist ein bewusster Akt geworden. Hergovichs älterer Sohn hat sich dagegen entschieden, der jüngere dafür und geht in die Kroatischklasse des Eisenstädter Gymnasiums.

Sprache als Teil der Identität

Hergovich, der Deutsch lernte "von einem Wiener Buben, der in Frankenau seine Sommer mit mir verbracht hat" ist für die Beibehaltung des Burgenländischen. "Eine Sprache ist nicht nur Verständigungsmittel, sondern Teil der Identität." Dazu gehöre eben das Regionale. Deutschsprachige Kinder würden zwar in der Schule Hochdeutsch lernen, " aber doch nicht von einem Norddeutschen mit dessen ,spitzen Stein'".

Peter Tyran, Chefredakteur der seit 1910 erscheinenden Wochenzeitung Hrvatske Novine, sieht das nicht ganz so streng. In seiner Zeitung werde sowohl mit "ča" als auch mit "što" gefragt, nicht bloß "aus Respekt vor den Südburgenländern", sondern "weil das Standardkroatische ja das Ziel sein muss". Tatsächlich sei auch das burgenländische Schulsystem so aufgebaut. In der Volksschule werde das Dorf-Idiom gelehrt, dann das Burgenlandkroatisch, und in der Oberstufe das Standard-Kroatische. 2011/12 wurden 2282 Kinder in diesen drei Idiomen unterrichtet. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 8.8.2012)

GLOSSAR

Austrija govori hrvatski

Knapp 20.000 Österreicher haben sich 2001 als Burgenlandkroaten deklariert, alles in allem schätzt man die Volksgruppe aber grenzüberschreitend - also mit den Ungarn und Slowaken - auf rund 50. 000.

Eindeutig kroatische Lehnwörter im Deutschen sind schwer zu identifizieren, weil die frühzeitig ins Deutsche gekommenen Begriffe nicht dem Kroatischen, sondern "dem Slawischen" entnommen wurden. Petschaft (Siegel-Stempel) etwa ist so ein Wort, es ist ausgeliehen vom gleichbedeutenden pecat. Manche verschleiern den Ursprung. Ob die Tschismen (Stiefel) von den ungarischen csizma oder den kroatischen cizme ins Burgenlanddeutsch gekommen sind, soll hier unentschieden bleiben.

www.hrvatskicentar.at

www.croates.at

www.hkd.at

www.zigh.at

Share if you care.