Mediziner-Test: Öhlinger hält Klagen für "nicht aussichtsreich"

6. August 2012, 17:08
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Verfassungsjurist: Klagen gegen genderspezifische Auswertung haben wenig Chancen

Wien - Sexismus. Frechheit. Diskriminierung. Ein X zu wenig, um als Mann Medizin studieren zu können. "Frauen-Bonus", der als Malus empfunden wird: Die heuer erstmals genderspezifische Auswertung des Eignungstests für das Medizinstudium (EMS) an der Med-Uni Wien sorgt für Aufregung in Online-Foren wie medizinstudium.at, wo heftig nachgerechnet und diskutiert wird.

Nachdem sechs Jahre lang seit der Übernahme des Schweizer EMS-Tests an den Med-Unis Wien und Innsbruck (die Med-Uni Graz hat ein anderes Auswahlverfahren) der Anteil der Frauen, die zum Studium zugelassen wurden, immer deutlich niedriger war als der Anteil der angetretenen Frauen, entschloss man sich in Wien, mit einer neuen Auswertungsmethode auf diesen Gender-Gap zu reagieren. Für Frauen und Männer wurden dabei jeweils getrennt Mittelwert und Standardabweichung errechnet - anders als in den Jahren davor bzw. als in Innsbruck, wo beim gleichen Test die Werte für beide Geschlechter gemeinsam ermittelt werden.

Ergebnis: Der Frauenanteil an der Med-Uni Wien (4370 Bewerber für 740 Studienplätze) entspricht heuer in etwa jenem beim Test (56 Prozent). In Innsbruck (angetreten: 58 Prozent Frauen, zugelassen: 47 Prozent Frauen) und Graz (angetreten: 57 Prozent, zugelassen: 42 Prozent) waren die Frauen wie in den vergangenen Jahren deutlich weniger erfolgreich als Männer.

Die Medizin-Uni Wien hat sich jedenfalls mit ihrer Entscheidung für eine genderspezifische Auswertung des EMS-Tests den anonymen Unmut von vielen Postern, aber auch Eltern von nichtaufgenommenen Medizinstudenten in spe zugezogen. Die für Lehre zuständige Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos wundert sich über die "verkorkste Diskussion" und verteidigt den "Versuch, Chancengleichheit herzustellen", sagte sie zum Standard.

Geschlechterunterschiede in solchen Tests seien bekannt, aber man könne sie "genderfair gestalten". In anderen Ländern sei die Diskussion um Testfairness schon lange im Gang. "Wenn eine Gruppe signifikant weniger gut abschneidet, dann ist offenkundig, dass etwas mit dem Verfahren nicht stimmt." Wobei, betont sie: "Der Test sagt nicht voraus, ob jemand ein guter Arzt oder eine gute Ärztin wird." Das sei das große Manko des EMS: soziale Kompetenz etwa, für den Beruf sehr wichtig, werde nicht getestet. Die drei Med-Unis planen daher schon für Sommer 2013 ein " gemeinsames, neues mehrstufiges Aufnahmeverfahren. Wichtig ist, dass man es möglichst breit macht, um möglichst viele Talente zu bekommen", sagt Gutiérrez-Lobos.

"Berücksichtigung von Benachteiligungen zulässig"

Etwaige Klagen gegen die genderspezifische Auswertung von sich zu Unrecht nicht zugelassen wähnenden Kandidaten hält Verfassungsjurist Theo Öhlinger für "nicht aussichtsreich, weil eine gewisse Berücksichtigung von Benachteiligungen zulässig ist - und die bisherigen Tests haben Männer bevorzugt, aber nicht, weil Männer besser für den Arztberuf geeignet wären, das wird heute ja wohl niemand mehr annehmen", sagte Öhlinger zum STANDARD. "Prinzipiell gibt es in der Bundesverfassung eine Ermächtigung zur aktiven Förderung von benachteiligten Gruppen, auch Frauen. Der Gesetzgeber hat hier Spielraum." Natürlich müssten die Maßnahmen "sachlich sein, nicht willkürlich".

Ist so eine gendergerechte Auswertung denn nun sachlich? Soziologin Helga Eberherr von der Abteilung für Gender und Diversitätsmanagement der WU Wien hält sie für einen "durchaus angemessenen Versuch, den in genderspezifischen Sozialisations- und Lernprozesse begründeten Verzerrungen in dieser Form systematisch entgegenzusteuern", sagte sie zum STANDARD.

Ministerium setzt auf Infos

Eberherr deutet damit in die Richtung, die man auch im Wissenschaftsministerium im Blick hat: die Schule. "Im Zentrum müssen künftig mehr Information und die verstärkte Kooperation mit den voruniversitären Einrichtungen stehen", heißt es im Büro von Minister Karlheinz Töchterle. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Med-Unis sowie aus dem Wissenschafts- und dem Unterrichtsministerium ist eingerichtet.

Hinweise, dass sich in der Schule Erklärungen für den EMS-Gender-Gap finden könnten, ergab 2007 eine vom damaligen Wissenschaftsminister Johannes Hahn in Auftrag gegebene Studie von Bildungspsychologin Christiane Spiel (Uni Wien). (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 7.8.2012)

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    Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos wundert sich über die "verkorkste Diskussion".

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