Versuchstiere für die Forschung

Reportage6. August 2012, 18:27
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Vermummt, desinfiziert und neu eingekleidet: Ein Besuch bei den für Forschungszwecke genutzten Ratten und Mäusen in der Salzburger Uni

Der Mundschutz riecht nach Krankenhaus. Die Finger schwitzen in den Latex-Handschuhen. Die Haare sträuben sich gegen das Netz. Die Leuchte an der Wand ist rot. Sterile Luft strömt herein. Drei Minuten in einer beengenden Schleuse sind eine Ewigkeit. Endlich schaltet die Anzeige auf grün, die Tür lässt sich öffnen. Dahinter befindet sich das Zuhause von mehreren Hundert Mäusen und etwa 20 Ratten.

Die Versuchstiere sind in der zentralen Tierhaltung im Erdgeschoß der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg untergebracht. Bis auf die Aufenthaltsräume der Mitarbeiter ist die Anlage fensterlos. Es sind Inzuchtmäuse, die genetisch ident sind - weil sie dadurch immungeschwächt sind, werden sie schneller krank, der Bereich muss daher steril gehalten werden. Diese Immunschwäche ist wichtig für die biomedizinische Forschung, wenn es beispielsweise um die Rolle der Abwehrkräfte bei Krebserkrankungen geht. Gesunde Mäuse werden stückweise aus Zuchthäusern in Deutschland oder Frankreich bestellt, gentechnisch veränderte meist aus den USA importiert.

2010 wurden laut Tierversuchsstatistik des Wissenschaftsministeriums österreichweit 62.000 Tierversuche in der Forschung durchgeführt. "Seit Jahren steigt die Zahl der Tierversuche, aber auch die Zahl der wissenschaftlichen Erkenntnisse, wodurch die Anzahl der verbrauchten Versuchstiere auch um etwa 20 Prozent gesunken ist", sagt der Leiter der zentralen Tierhaltung, Peter Hammerl. Bereits seit 25 Jahren arbeitet der Molekularbiologe mit Versuchstieren - ungeplant. Als er nämlich während seiner Diplomarbeit mit Kaninchen arbeiten musste, wollte er nie wieder mit Tierversuchen zu tun haben. Doch auch wenn sein Interessensgebiet molekularbiologische und chemische Fragestellungen behandelt, den Tierversuchen ist er deswegen trotzdem nicht entronnen. "Egal, mit welchem Molekularprozess man anfängt, irgendwann stellt sich die Frage: Was hat das für eine Relevanz im lebenden Organismus?", erzählt er.

"Unsere Arbeit besteht eigentlich sehr viel aus Putzen auf hohem Niveau"

Der erste Raum im sterilen Bereich der fensterlosen Tierhaltung ist das Lager, ein undefinierbarer Geruch liegt in der Luft. Es ist unheimlich still. An der Decke verlaufen dicke Rohre. In der Ecke stapeln sich desinfizierte Futtersäcke. Die Nahrung ist mit besonders vielen Aminosäuren versetzt, weil sie autoklaviert, also unter Dampfdruck sterilisiert wird. Dabei gehen einige wertvolle Aminosäuren verloren. Dafür sorgt ein großer, silberner Behälter in der Mitte des Lagerraums. Auch neue Käfige werden so keimfrei. Empfindliche Geräte, die die hohen Temperaturen im Autoklav nicht vertragen, werden mit Wasserstoffperoxid steril. "Unsere Arbeit besteht eigentlich sehr viel aus Putzen auf hohem Niveau", sagt der Molekularbiologie, das ironische Lächeln unter dem Mundschutz lässt sich nur erahnen. Hinter dem Lagerraum befindet sich die zweite Schleuse, die Zutritt mittels Fingerabdruckscanner zum hochhygienischen Bereich verschafft.

Das erfordert ein neuerliches Umkleiden: der Laborkittel wird durch einen Overall ersetzt, die alten mit neuen, sterilen Schlapfen ausgetauscht. Wie ein Michelinmännchen: von Kopf bis Fuß weiß, Schichten über Schichten. Unterwäsche, Socken, Hose, Hemd, dazu der Overall, Latex-Handschuhe, Mundschutz, Haarnetz - und nicht zu vergessen: Die Kapuze des Ganzkörperkostüms. "In den Krimis machen sie das falsch: die Spurensicherer haben die Kapuze nie übergezogen und verteilen so sinnloserweise ihre DNA am Tatort", sagt Hammerl.

Hinter der zweiten Schleuse reihen sich Käfige aneinander, sie sind jeweils 100 Quadratzentimeter groß: das höchste Mindestmaß, das vom Tierhaltergesetz vorgeschrieben ist. Der Boden der Käfige ist mit Sägespänen bestreut, auf einer Anhöhe befinden sich steriles Futter und Wasser, damit sie sich nicht mit den Körperausscheidungen der Mäuse vermischen können. Gerade bemüht sich eine Albino-Maus, an die großen Futterstücke zu gelangen. Das ist absichtlich keine leichte Aufgabe, sondern eine Art Beschäftigungstherapie, die auch zu den Aufgaben der zentralen Tierhaltung gehört. Um die 20 Grad hat es hier, Morgen- und Abenddämmerung sowie Tag und Nacht werden mit den Lichtern simuliert.

Tod durch Genickbruch

Die Käfige, die vielmehr an durchsichtige Aufbewahrungsboxen erinnern, sind an ein Lüftungssystem angeschlossen, das eine sterile Sauerstoffversorgung garantiert. Das Scharren und Rascheln der Mäuse wird durch das leise Summen der Lüftungsanlage begleitet. Sie sind fünf bis sieben Zentimeter groß, weiß, braun oder auch dunkelbraun. Es sind gentechnisch veränderte Tiere, frisch aus den USA importiert. Jeweils ein Männchen und ein Weibchen, das denselben Gendefekt trägt. Da nämlich eine solche Maus um die 200 Euro kostet, wird hier gezüchtet. Nachwuchs gibt es viel - in einem Käfig etwa hat ein braunes Weibchen mit Papierschnitzeln ein Nest gebaut, in dem sieben kleine Fellknäuel zusammenliegen. Sobald der Nachwuchs groß genug ist, wird er von der Mutter getrennt, die Mutter wird im Labor auf ihre Gesundheit untersucht - und dabei getötet.

"Nur so können wir überprüfen, ob die importierte Maus - und dadurch auch ihr Nachwuchs - tatsächlich gesund ist, eine Grundvoraussetzung, damit die Forschung korrekte Ergebnisse liefert", erklärt der Molekularbiologe. Der Nachwuchs bleibt am Leben, solange er in der Tierhaltung wohnt - Mäuse, die ins Labor übersiedeln, werden dort getötet und die Organe untersucht. Die "finale Termination", also die Tötung der Maus durch einen Genickbruch, ist jener Moment, der den Erfolg oder Misserfolg in der Forschung einläutet. Genau das ist Thomas Putzgruber, Obmann des Tierschutzvereins "RespekTiere" ein Dorn im Auge: "Letztlich überlebt kein einziges Versuchstier, sie sterben alle für die Wissenschaft", kritisiert er.

"Ratten schauen dich direkt an"

Und wie geht es dem Leiter der Tierhaltung dabei, wenn er die Versuchmäuse betrachtet? Es ist kurz still, nachdenklich versucht der Wissenschaftler, seine Gefühle in Worte zu verpacken. Ein Dilemma sei es, das jeder Forscher mit sich selbst austrage. "Emotional hat man schon das Gefühl, dass man das Tier missbraucht, und es ist die Frage ob man es mit der Wissenschaft rechtfertigen kann. Wenn man Tierversuche macht, lebt man in einem Zustand von nichtauflösbarer emotionaler Dissonanz", beschreibt er schließlich seine Empfindungen. "Am Anfang war es doch sehr schwierig, die Tiere zu töten und die Organe zu entnehmen", sagt Immunologin Angelika Stöcklinger. Beinahe hätte sie die Arbeitsgruppe gewechselt. Gewöhnen müsse man sich auch daran, schief angeschaut zu werden, wenn sie erzählt, dass sie Mausversuche durchführt. "Gefragt wird dabei aber nicht, warum ich das mache", sagt sie. Stöcklinger forscht derzeit an DNA-Impfstoffen. Tierversuche mit Ratten verweigere sie: "Die sind hoch intelligent, fürchten sich und schauen dich direkt an, Mäuse machen das nicht", erzählt sie.

Tierversuche sind, so die Wissenschaftler, gerade für die Krebs- und Allergieforschung für das Verständnis notwendig. "Der medizinische Fortschritt ist wichtig für die Lebensqualität", sagt Hammerl. Für Putzgruber ist das aber keine Argumentation, die wissenschaftliche Tierversuche rechtfertigt. "Ich würde es sogar in Kauf nehmen, dass der Fortschritt durch die Abschaffung von Tierversuchen schleppender vorangeht", sagt er. Würde auf Tierversuche verzichtet werden, dann gäbe es auch verstärkte Forschung zu Alternativmethoden, ist er allerdings überzeugt.

Alternativmethoden

Einen Durchbruch bei der Erforschung von Alternativmethoden gab es vor einem knappen Jahr, als das Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen (zet) in Linz eine künstliche Haut hergestellt hat. Allerdings: "Es wird sicher noch dauern, bis wir völlig auf Tierversuche in der Forschung verzichten können, da können wir uns auch darüber unterhalten, ob wir eines Tages Beamen können", sagt Hammerl. Das Experimentieren mit Zellkulturen sei zwar möglich, sie zeigen allerdings nur einzelne Reaktionen und klammern die Interaktion zwischen den Organen völlig aus. "Wenn zum Beispiel Impfstoffe getestet werden müssen, dann braucht man ein Modellorganismus wie die Maus", erklärt Stöcklinger.

Erneut geht es durch die zweite Schleuse, der Overall wird wieder mit dem Kittel getauscht. Durch den erleuchteten Gang geht es weiter in den anderen Trakt, die Schlapfen quietschen leise auf dem penibel sauber gehaltenen Boden. Auch hier reihen sich Käfige übereinander. Zwei weibliche Nacktmäuse machen raschelnd auf sich aufmerksam. Sie spielen in der Krebsforschung eine besondere Rolle, weil sie keine Thymus, und somit auch keine T-Zellen besitzen, die für ein gut funktionierendes Immunsystem notwendig sind. Kleine Tumorgeschwülste werden durch die Injektion von Krebszellen gezüchtet, und das Gewebe untersucht. Leiden würde das Tier nicht, sondern rechtzeitig getötet, bevor der Tumor zu groß wird, sagt Hammerl.

Mittlerweile schwitzen die Hände unter den Latex-Handschuhen stark. Ein letztes Mal geht es durch den Hochsicherheitstrakt. Handschuhe, Mundschutz, Laborkittel, Haarnetz werden entsorgt, die Krankenhauskleidung mit der normalen Kleidung gewechselt. Freiheit.  (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 6. 8. 2012)

  • Der Boden der 100 Quadratzentimeter großen Käfige ist mit 
Sägespänen bestreut, auf einer Anhöhe befinden sich steriles Futter und 
Wasser, damit sie sich nicht mit den Körperausscheidungen der Mäuse 
vermischen können. Dass sich die Tiere ein wenig bemühen müssen, um an das Futter zu kommen, hält sie beschäftigt.
    foto: peter hammerl/zentrale tierhaltung uni salzburg

    Der Boden der 100 Quadratzentimeter großen Käfige ist mit Sägespänen bestreut, auf einer Anhöhe befinden sich steriles Futter und Wasser, damit sie sich nicht mit den Körperausscheidungen der Mäuse vermischen können. Dass sich die Tiere ein wenig bemühen müssen, um an das Futter zu kommen, hält sie beschäftigt.

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    foto: sophie niedenzu
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