Empörte Saubermänner und die Himmelfahrt

5. August 2012, 20:45
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Günter Grass veröffentlicht das Bändchen "Vatertag" - ein Extrembild der Geschlechterbeziehung

Wien - Als der damals noch nicht mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Günter Grass 1977 seinen Roman Der Butt veröffentlichte, sprach die Kritik begeistert von einem polyperspektivischen Maskenspiel.

Während im Buch der Autor in den 1970er-Jahren seiner Frau Ilsebill die lange Geschichte von den neun Köchinnen und den Ereignissen am Vatertag 1963 in Westberlin erzählt, wird der Butt in der Ostsee von drei Frauen an die Angel genommen und in einem Berliner Kino, wohlbehütet in einer Zinkwanne schwimmend, vor ein feministisches Tribunal gestellt. Angeklagt wird er als Berater und Förderer der Männersache, von der Steinzeit an, als Weltgeist, "Liebbuttchen". Das war der Geist dieser Jahre: Grass, der mit Die Blechtrommel 1959 seinen ersten großen Erfolg auf der literarischen Bühne erlebt hatte, befand sich mitten im ideologisch aufgeladenen Geschlechterkampf.

Am Beispiel des Märchens Vom Fischer un syner Frau thematisierte der Butt das Verhältnis der Geschlechter zueinander unter der Herrschaft der Männer. Jetzt, kurz vor dem 85. Geburtstag des Autors, hat der Steidl-Verlag das Kapitel Im achten Monat aus dem Butt als selbstständige Geschichte unter dem Titel Vatertag in einem kleinen Band herausgebracht. Dessen Prosatext ist mit Zeichnungen aus dem Lithographienzyklus Vatertag (1981-1982) bebildert.

Vatertag lässt sich als eine herausragende Erzählung einer komplexen Drehbuchinszenierung lesen. Die Geschichte von den vier Freundinnen Billy, Fränki, Siggi und Mäxchen, die ausgerechnet zu Himmelfahrt im Grunewald unter Horden von besoffenen Männern "ihren Vatertag" feiern wollen, weil sie "sich alle für anders geartet" halten, geriet Grass ebenso herb wie schräg.

Denn bei ihm stehen diese Frauenkarikaturen dem männlichen Geschlecht in nichts nach. Sie gerieren sich als lesbische "Mannweiber", lassen Billy den gewaltsam erzwungenen "Kunstfick" als Kreuzigung erleben, was dazu führt, dass sich das Opfer vom Rudel trennt und sich im dunklen Grunewald verirrt.

Dort wird sie von einer Gruppe von Motorradfahrern brutal vergewaltigt und umgebracht, nachdem sich die Täter vorher über den gleichgeschlechtlichen Akt in klassischer "Saubermänner"-Manier empört haben. Am Schluss heißt es lakonisch: "Danach ging das Leben weiter."

Grass verzeichnet hier das Himmelfahrts-Motiv zu einem sarkastischen Extrembild, in dem die spekulativ ausgerichtete Heilslehre an einer Menschenwelt scheitert, in der mehr Blut als Wein fließt. (Wolf Scheller, DER STANDARD, 6.8.2012)

Günter Grass: Vatertag. Erzählung. Steidl Verlag. 96 S., 14 Euro

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    Günter Grass mit neuem Buch aus altem Text. 

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