Die Angst vor der "Copy-paste"-Teilmatura

Kommentar der anderen3. August 2012, 18:57
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Es ist etwas dran, an der Teil-Zentralmatura, allerdings gibt es noch eine Reihe guter Argumente dagegen. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird sich sicher ändern - und ob aus der "vorwissenschaftlichen Arbeit" etwas wird, muss sich noch weisen

Einige Herausforderungen und Probleme der Zentralmatura sind mir aus der Perspektive meines ehemaligen Innsbrucker Mitarbeiters Florian Schaffenrath bekannt, der sie in den Fächern Latein und Griechisch gemeinsam mit Fritz Losek u. a. für das BIFIE vorbereitet hat (andere Fächer wurden dort direkt vorbereitet). Man wäre hier wie in anderen Fächern durchaus für den geplanten Start bereit gewesen. Dass es sich in Mathematik nicht ausgegangen ist, wird vielfach beklagt und als Triumph grundsätzlicher Gegnerschaft gedeutet.

Eine solche kann man pflegen, wenn man die Nachteile dieser Neuerung überwiegen sieht: Zentrale Vorgaben stehen stets in einem Grundkonflikt mit speziellen Schulprofilen, offenen Curricula, individuellen Vorlieben und Stärken von Lehrenden etc. Das führt dazu, dass die überall abprüfbaren Fragen und Aufgaben sich vermehrt auf formale Kompetenzen beschränken und von Inhalten und nicht formalisierbaren Bildungszielen absehen müssen. Das mag bei modernen Fremdsprachen z. B. erträglich scheinen, weil hier ein europäischer Referenzrahmen solche Standardisierungen ohnehin schon vorweggenommen hat. Spezifisch Kulturelles oder gar Literarisches (z. B. eine Shakespeare-Interpretation) fallen als Prüfungsgegenstände hingegen von vornherein aus.

Die Tatsache, dass es sich um eine teilzentrale Matura handelt, wo der mündliche Teil freier bleibt und Raum für individuelle inhaltliche Schwerpunktsetzungen bietet, kann vielleicht dazu beitragen, diesen Nachteil zu reduzieren.

Als überaus problematisch sehe ich aber das geplante dritte Element, die "vorwissenschaftliche Arbeit", an. Schon der Begriff ist ganz unglücklich, vor allem aber fehlt jegliche Voraussetzung, wie sie an der Universität erst ein Proseminar schafft. Von der bald grassierenden Themennot einmal abgesehen, werden sich Tauschbörsen im Internet bilden, "copy and paste" feiern Triumphe.

Eine weitere Problematik liegt in der Niveauhöhe. Um österreichweit praktikabel zu sein, darf sie jedenfalls niemals zu hoch angesetzt werden, was Prüflinge aus Schulen mit bestimmten Schwerpunkten generell unterfordern wird. Bei der Deutschmatura beschleicht den - zugegeben etwas pedantischen - Philologen zudem die Sorge, dass die vielfach zu konstatierende Abnahme aktiver Textkompetenz beschleunigt wird. Schon seit längerem schwappt hier ja die alte wissenschaftliche Erkenntnis von den Bedingtheiten normativer Corpusgrammatiken oder orthographischen Konventionen in m. E. unzulässiger, weil allzu platter Übertragung auf die Deutschdidaktik über. Sogar das allein noch akzeptierte Ziel gelingender Kommunikation leidet unter miserabler Orthographie und syntaktisch nicht plausibler Zeichensetzung, vom massiven Prestigeverlust solcher Textemittenten ganz zu schweigen.

Dem stehen Vorteile gegenüber: Zweifellos erhöht Standardisierung die Möglichkeit des Vergleichs, ja, sie schafft sie erst. Damit einher geht ziemlich sicher eine gleichmäßigere, vielleicht auch gerechtere Beurteilung - dies trotz aller Schwierigkeiten, die sich hier im Detail der Umsetzung noch auftun werden. Die Überlegungen zur neuen Matura haben zudem Testtheorie und Psychometrie in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, deren Erkenntnisse in der bisherigen Beurteilungspraxis oft nur eine geringe Rolle spielten.

Auch die oben als Nachteil verbuchte und insgesamt durchaus zu hinterfragende Kompetenzorientierung hat auf der anderen Seite Vorteile, weil sie die Anwendungsfähigkeit erworbenen Wissens und erlernter Fähigkeiten überprüft - ein bei aller Problematik der Orientierung auf "Praktisches" oder "Nützliches" doch zu schätzendes (Aus-)Bildungsziel.

Es steht weiters zu erwarten, dass sich durch die Zentralmatura das Lehrerbild wandeln wird. Die Lehrenden werden aus der Doppelfunktion des Lehrens und Prüfens in eine stärkere Partnerschaft mit ihren Anvertrauten geraten, die sie mit ihrem Wissen und Können zu einem gemeinsamen, von außen gestellten Ziel hin begleiten. Für beide Seiten geht damit eine Erhöhung von Verantwortlichkeit einher.

Schließlich herrscht über die Sinnhaftigkeit regelmäßiger Überprüfung von einheitlich gesetzten Bildungsstandards nach der Absolvierung bestimmter Bildungsschritte großer Konsens. Sie werden, auch bei der Matura, umso dringender, je mehr sich unsere Kultur von einem unhinterfragten und weithin akzeptierten Kanon an Bildungsgütern verabschiedet.

So fällt ein Resümee zwiespältig aus, Zentralmatura ja, aber nur mit Beseitigung erkannter Schwächen und Vermeidung drohender Gefahren. (Karlheinz Töchterle, DER STANDARD, 3.8.2012)

Karlheinz Töchterle ist Altphilologe und seit April 2011 österreichischer Wissenschaftsminister.

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