"Soziale Entwicklung ist der einzige Weg aus der Armut"

26. Juni 2003, 20:02
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14 Millionen Kinder haben in Afrika durch Aids einen oder beide Elternteile verloren - SOS setzt auf Prävention

Innsbruck - 14 Millionen Kinder haben in Afrika durch Aids einen oder beide Elternteile verloren, bis 2010 wird ihre Zahl nach Schätzungen der Unicef auf 25 Millionen anwachsen. Besonders dramatisch ist die Situation in den Ländern des südlichen Afrika. "In manchen Regionen ist die mittlere Generation ausgelöscht, das Bild ist dann von alten Menschen und Kindern geprägt", sagt Leutloa Moteetee, Regionalleiter von SOS-Kinderdorf International für das südliche Afrika. Moteetee ist einer der 250 Teilnehmer der Generalversammlung, die alle fünf Jahre abgehalten wird. In Innsbruck sind 109 der 131 SOS-Landesorganisationen vertreten, darunter zwölf neu aufgenommene.

Programm erreicht 4000 Kinder in Südafrika

Inhaltlicher Schwerpunkt ist dabei die Orientierung in Richtung Präventionsarbeit. Sozial und wirtschaftlich benachteiligte (Teil-)Familien sollen gestärkt werden, damit diese in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen, erklärt Richard Pichler, Generalsekretär von SOS-Kinderdorf International. In Südafrika etwa wurde vor einem Jahr mit einem Programm begonnen, das inzwischen 4000 Kinder erreicht, innerhalb von drei Jahren sollen 20.000 Kinder unterstützt werden, erklärt Moteetee.

Ehrenamtliche Betreuer Konkret gehe es darum, dass ehrenamtliche Betreuer Kinder aus gefährdeten Familien besuchen und sich um deren Ernährung und Bekleidung sowie deren Schulbesuch kümmern. Der Aufwand dafür betrage pro Kind 18 bis 20 US-Dollar monatlich.

Eva Kieczka, nationale Direktorin von SOS in Venezuela, erzählt von über einer Million gefährdeter Kinder in dem erdölreichen Land. Nur 40 Prozent der Kinder würden die Schule abschließen. Ein Programm in dem an Kolumbien angrenzenden Bundesstaat Zulia richtet sich vorrangig an allein erziehende Mütter. Ein Kurs- und Hilfsangebot soll die Frauen stärken, damit sie ihre Kinder schützen und selbst aufzuziehen können, meint Kieczka, die in der "sozialen Entwicklung den einzigen Weg aus der Armut" sieht. Neben drei Kinderdörfern gibt es in Venezuela zwei derartige Zentren, ein drittes ist im Aufbau.

50.000 Kinder weltweit

Weltweit werden in 439 SOS-Kinderdörfern und 342 SOS-Jugendeinrichtungen 50.000 Kinder und Jugendliche betreut. Diese Einrichtungen bieten eine familienorientierte Langzeitbetreuung für verwaiste und entwurzelte Kinder an, basierend auf dem erstmals 1949 von Hermann Gmeiner im Kinderdorf Imst realisierten Konzept. Präventionsarbeit im weitesten Sinne leisten derzeit weltweit 830 "unterstützende Einrichtungen", wozu auch Kindergärten und Schulen gehören.

Den Anteil der präventiven Arbeit an dem SOS-Budget von 200 Millionen US-Dollar beziffert Pichler mit zehn Prozent, wobei sich dieser in den nächsten Jahren auf zwanzig Prozent verdoppeln soll.

Rechte der Kinder

Helmut Kutin wird auf dieser Generalversammlung als Präsident von SOS-Kinderdorf International bestätigt werden. Er betont, dass sich durch diese neue Orientierung an der traditionellen Hauptaufgabe der Organisation nichts ändere. Weltweit, so Kutin, habe sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Mehrzahl der Länder die Situation der Kinder verschlechtert, die Rechte der Kinder würden vielfach missachtet. Bei aller Not in der Dritten Welt, betont der SOS-Präsident, dürfe zugleich nicht übersehen werden, dass es "auch bei uns Kinder gibt, die uns brauchen".

SOS finanziert sich über derzeit sechs Millionen Kinderdorffreunde, deren Mehrzahl in Österreich und Deutschland zu Hause ist. (hs, DER STANDARD Printausgabe 27.6.2003)

Die SOS-Kinderdörfer sind inzwischen in 131 Ländern vertreten. Neben der klassischen Ersatzfamilie für Waisen und entwurzelte Kinder setzt die Organisation verstärkt auf Präventionsarbeit, die darauf abzielt, familiäre Strukturen zu stärken und damit zu erhalten.
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