Forscher kritisieren "aggressive Abwertung" der Geisteswissenschaften

27. Juli 2012, 15:25
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Plattform "Rettet die Akademie der Wissenschaften": Leistungen werden "heruntergemacht"

Wien - Eine "zunehmend aggressivere Abwertung der Geisteswissenschaften" ortet die Plattform "Rettet die Akademie der Wissenschaften (ÖAW)" an der Forschungseinrichtung. Bei der Diskussion über Strukturreformen an der ÖAW werde gelegentlich der "Eindruck vermittelt, als würden die Geisteswissenschaftler einer modernen Organisation und damit dem Fortschritt der Wissenschaften im Wege stehen", hieß es in einer Aussendung. "Doch natur- und geisteswissenschaftliche Forschungen ergänzen einander und sind für gesellschaftliche Entwicklung unerlässlich."

Plattform-Sprecherin Monika Mokre ortete gegenüber der APA in der ÖAW-internen Diskussion die Tendenz, kleinere Einrichtungen wie eben die geisteswissenschaftlichen Institute in Frage zu stellen: "Das läuft unter dem Stichwort 'kritische Größe'." Gleichzeitig würden in der öffentlichen Debatte naturwissenschaftliche Institute wie das Institute of Science and Technology (IST) Austria positiv herausgestellt und finanziell gefördert, "während die Leistungen der Geisteswissenschaften heruntergemacht werden". Finanzielle Einschnitte in den Geisteswissenschaften würden aufgrund deren geringer Größe "eine Einrichtung schnell killen".

Hohe Leistungsfähigkeit

Wenn im Ausland von der österreichischen Forschung die Rede sei, denke man insbesondere "an die vielen kleinen geisteswissenschaftlichen Fächer", betonte die Plattform. Deren hohe internationale Reputation an der ÖAW sei nicht zuletzt an den zahlreichen Protestbriefen ablesbar, die Wissenschafter aus aller Welt Ende letzten Jahres verfassten hätten, um ihrer Empörung über den damals drohenden massiven Personalabbau Ausdruck zu verleihen. Die hohe Leistungsfähigkeit der österreichischen Geisteswissenschaften wäre auch daran erkennbar, "dass internationale wissenschaftliche Top-Journals in Österreich fast ausschließlich im Bereich der Geisteswissenschaften herausgegeben werden".

Naturwissenschaftliche Forschung werde im außeruniversitären Bereich in Österreich seit Jahren massiv gefördert, hieß es unter Verweis auf IST Austria und Austrian Institute of Technology (AIT). "Auch an der ÖAW ist der Ausbau der naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen keineswegs durch die Geisteswissenschaftler behindert worden, denn die Naturwissenschaftler erhalten den Löwenanteil des Budgets". Laut Wissensbilanz fließen 55 Mio. Euro aus dem ÖAW-Grundbudget in Forschungsträgereinrichtungen der Mathematik, Natur- und Technikwissenschaften (MNT) und 16,6 Mio. in jene der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK). Die MNT verfügen über 860 Mitarbeiter, die GSK über 443 (jeweils Vollzeitäquivalente).

Langzeitprojekte wichtig

Im außeruniversitären Bereich werde in Österreich außer an der ÖAW nur noch in der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung in nennenswertem Ausmaß betrieben, hieß es weiter. Aber weder Boltzmann-Institute noch die Unis seien in der Lage, "die in den Geisteswissenschaften so wichtigen Langzeitprojekte im notwendigen Umfang durchzuführen". Die ÖAW wären daher "der letzte verbliebene Forschungsträger Österreichs, an dem solche Projekte noch in international konkurrenzfähiger Weise betrieben werden können". Deswegen müsse die geisteswissenschaftliche Forschung an der ÖAW zumindest im bestehenden Umfang fortgeführt werden, wobei ein Ausbau "wünschenswert wäre, um den langfristigen Erhalt eines geisteswissenschaftlichen Leuchtturms in Österreich zu sichern". (APA, 27.7.2012)

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