Rundschau: Wie man eine SF-Rezension liest

    Ansichtssache25. August 2012, 10:13
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    Neue Bücher unter anderem von Ian McDonald, James Tiptree Jr. und Tobias O. Meißner, plus ein Comic mit richtig großen Tieren

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    coverfoto: septime

    James Tiptree Jr.: "Zu einem Preis"

    Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, € 24,00, Septime 2012

    *kicher* "Die Screwfly Solution" ist es also nun geworden. Auf Deutsch ist James Tiptree Jr.s berühmte, Nebula-gekrönte Kurzgeschichte aus dem Jahr 1977 schon als "Die Goldfliegen-Lösung", "Schmeißfliegen" und "Operation Goldfingerfliege" herausgekommen ... in Sachen biologische Distanzen ist das alles dasselbe, als hätte sich Sherlock Holmes mit dem Kojoten von Baskerville abgeben müssen. Nachdem sich bei den deutschsprachigen Genre-Verlagen - außer Heyne - in den letzten Jahren ja ein gewisser Trend zur Originaltreue abzeichnet, stand man da bei Septime vor einem Problem: "Die Neuwelt-Schraubenwurmfliegenlösung" wäre zwar die korrekte Übersetzung, klingt aber ... nun ja, doch irgendwie lächerlich.

    ... und damit gänzlich unpassend für eine der grausigsten und zugleich besten Erzählungen der 1987 verstorbenen US-Autorin Alice Bradley Sheldon, die in der Science Fiction als "Racoona Sheldon", vor allem aber als "James Tiptree Jr." zur Berühmtheit wurde. Alan, ein Experte für Schädlingsbekämpfung, hält sich gerade in Südamerika auf, als ihn die Briefe seiner Frau aus den USA alarmieren: Von wachsender Gewalt gegen Frauen ist die Rede, religiös motivierte Femizide häufen sich. Anhand persönlicher Aufzeichnungen und Nachrichtenschnipsel erleben wir binnen weniger Seiten eine unfassbare Eskalation: Eben noch beobachtet Alan, wie sich Frauen in der Öffentlichkeit seltsam nervös verhalten - kurz darauf verkündet eine Agenturmeldung nüchtern, dass Schleppnetze voller Frauenleichen zu einer zunehmenden Gefahr für die Küstenschifffahrt würden. Die atemberaubende Geschichte mündet in einen Schlusssatz, der es zwar nicht an Poesie, aber an Schrecklichkeit mit Arthur C. Clarkes berühmtem "Overhead, without any fuss, the stars were going out" (aus "The Nine Billion Names of God") aufnehmen kann.

    Ähnlich entsetzlich ist "Von Fleisch und Moral" ("Morality Meat"), angesiedelt in einer nahen Zukunft der gesunkenen Lebensstandards. Scheinbar voneinander getrennt entspinnen sich hier die Geschichten eines verunglückten Truckfahrers und einer jungen Mutter, die ihr Baby zur Adoption freigibt. Zwar lassen sich schon früh Hinweise erahnen, wie die Autorin die beiden Fäden zusammenführen wird, doch bittet man bis zum Ende darum, dass es nicht so kommen wird ... das gänzlich unrealistische Licht der Hoffnung in den Augen, wie es in der Geschichte passenderweise heißt. Es könnte fast dieselbe Welt sein, in der auch "Der Teilzeit-Engel" ("Time-Sharing Angel") handelt, allerdings löst hier jemand das dringlichste Problem der Menschheit. Als die junge Joylene eine Vision von der Malthusianischen Katastrophe überkommt, betet sie um Hilfe ... und wird erhört. Die nicht-irdische Lösung könnte glatt Philip José Farmer zu seiner ein Jahrzehnt später entstandenen "Dayworld"-Reihe inspiriert haben; der Mann hat bekanntlich geklaut wie ein Rabe.

    Die Sammlung "Zu einem Preis" beinhaltet Erzählungen aus der zweiten Hälfte von Tiptrees Schaffen, inhaltlich sind sie weit gestreut. Zu großen Werken wie der "Screwfly Solution" gesellen sich Gedankenspiele wie eben "Teilzeit-Engel", stilistische Fingerübungen ("Hölle, wo ist dein Sieg?"/"All This and Heaven Too", geschrieben in Form eines Märchens) oder "Wer den Traum stiehlt" ("We Who Stole the Dream"). Letzteres eine Abfolge mehrerer kleiner Tragödien, mit denen eine Sklavenrasse der raumfahrenden Menschheit ihre Freiheit erkauft. Näher an Tiptree-typische Themen - allen voran: der Tod - kommen wir in "Ein Quell unschuldiger Freude" ("A Source of Innocent Merriment"), in dem ein Raumfahrer von einer an Lems "Solaris" erinnernden Begegnung berichtet. Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit und Glückseligkeit schließen einander hier nicht aus, im Gegenteil. Im Nachhinein betrachtet ist dies eine der vielen, vielen Geschichten, in denen Tiptrees späterer Selbstmord bereits antizipiert scheint.

    Noch deutlicher wird dies im hervorragenden "Coda" ("Slow Music"): Jakko und Peachthief sind die letzten Menschen auf einer Erde, deren BewohnerInnen nach und nach in einem STROM genannten Transzendenz-Phänomen aufgegangen sind. Umgeben von nicht mehr genutzter Supertechnik und einer "verbesserten" Natur sehen die beiden ProtagonistInnen mit staunenden Augen auf längst verlernte Dinge - seien es Handwerk, Sexualität oder Pflanzen und Tiere; ein menschliches Skelett nimmt Jakko als "weiße Stäbe" wahr. Tiptree ruft ein vergleichbar dichtes Gefühl der Entfremdung hervor wie Cordwainer Smith einst in seiner Fernzukunftsgeschichte "Alpha Ralpha Boulevard". Doch wo es bei ihm um die Wiederentdeckung des Menschlichen ging, stehen bei Tiptree die Zeichen auf Abschied. Todessehnsucht hüllt sich hier in ein transhumanes Gewand.

    Probleme hatte Tiptree am ehesten mit langen Formaten; in der Novelle "Mit zarten irren Händen" ("With Delicate Mad Hands") beispielsweise hat sie sich ein wenig verzettelt. Im Mittelpunkt steht die Raumfahrerin Carol Page, aufgrund eines Geburtsfehlers Schweinegesicht genannt. Gemobbt, erniedrigt und sogar an Bord ihres Raumschiffs als "menschliche Mülltonne" missbraucht, wird sie zunächst als klare Sympathieträgerin aufgebaut, um sich später als mordende Irre zu erweisen ... und noch später muss man dann als Leser bereit sein, wieder Carols Sehnsüchte zu teilen. Das verlangt einem doch einiges ab - ebenso wie der Verlauf der Geschichte selbst, der über Carols unvermeidlich scheinende Erlösung im Weltraumtod hinausgeht und noch einige Volten schlägt. Auch hier glänzt Tiptree aber mit ihrer Gabe, in wenigen Worten die Unmenschlichkeit eines ganzen Systems zu veranschaulichen: Mit fünfzehn wurde ihre Mutter einem Manager zugewiesen, der auf Jungfrauen stand. Aufgrund eines unerwarteten Zeitfensters in seinem Terminkalender wurde sie schwanger.

    Immer wieder saß Tiptree ein kleines Teufelchen auf der Schulter und ließ sie selbst erschreckende Dinge mit erkennbarem Amüsement schreiben. Etwa in "Aus dem Überall" ("Out of the Everywhere"), wo ein Bewohner des interstellaren Raums auf der Erde notlandet und seinen Geist auf drei Menschen aufteilt. Einer davon ist die neugeborene Paula, die in der Folge zu einem hochbegabten Kind heranwächst und in ihrer Mischung aus Unschuld und grausamer Konsequenz ein weiteres Beispiel für Tiptrees moralisch nicht eindeutig bewertbare Figuren ist. So verführt Paula ihren eigenen Vater, und als zwei Feinde der Familie bei einem von Paula inszenierten Unfall das Augenlicht verlieren, lässt sie ihnen Blumen ins Krankenhaus schicken: "Am besten welche, die man auch riechen kann, nicht?"

    Als besonderes Zuckerl enthält "Zu einem Preis" mit der Titelgeschichte die meines Wissens erste deutschsprachige Version der Novellette "Excursion Fare" aus dem Jahr 1980. Darin wird das Ballonfahrer-Paar Philippa und Dag nach einem Absturz auf hoher See von einem Hospizschiff aufgefischt, das seinen todkranken Passagieren fernab von Staaten und Gesetzen zur Einschränkung des Medikamentengebrauchs eine letzte Heimstätte bietet. Die Erzählung berührt mit einer Reihe furchtbar trauriger, aber auch tröstlicher Momente - und einer subtilen Ironie: Denn während man an Bord der "Charon" die Philosophie vertritt, Menschen lieber glücklicher als länger leben zu lassen, läuft mit der Zivilisation als ganzer gerade der umgekehrte Prozess ab.

    Im Anhang befinden sich noch Auszüge aus Briefen Alice Sheldons - gleichzeitig ein erster Vorgeschmack auf die große Tiptree-Biografie "Das Doppelleben der Alice B. Sheldon", die noch heuer bei Septime erscheinen soll. Dafür schon mal einen Ehrenplatz im Regal freihalten!

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