Rundschau: Wie man eine SF-Rezension liest

    Ansichtssache25. August 2012, 10:13
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    Neue Bücher unter anderem von Ian McDonald, James Tiptree Jr. und Tobias O. Meißner, plus ein Comic mit richtig großen Tieren

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    coverfoto: image comics

    Tim Daniel & Mehdi Cheggour: "Enormous"

    Graphic Novel, 64 Seiten, Image Comics 2012

    From the house that brought to you "The Walking Dead", heeere iiiiiis ... "ENORMOUS"! Wobei sich der US-Verlag Image Comics für diese Einzelpublikation im Grunde genommen gar nicht so weit von seinem aktuellen Aushängeschild entfernt hat: Auch "Enormous" erzählt eine klassische Survival Story in Zeiten äußerer Bedrohung. Nur dass die hier nicht in Form von Zombies auf die ProtagonistInnen zuschlurft, sondern als spektakuläre Megafauna über sie hinwegtrampelt. Und zwar wirklich mega.

    Fremdartige Invasoren sind in der Science Fiction ja nun wirklich nichts Neues. Eigenartigerweise treten sie in der Regel aber - egal, ob intelligent oder nicht - als Einzelspezies auf. Vergleichsweise selten wird gleich ein ganzes Ökosystem über der Menschheit ausgekippt. In der bildlosen Literatur startete z. B. David Gerrold mit seiner "Chtorr"-Reihe in den 80ern eine biologische Invasion aus dem All, in den 90ern entwarf Ian McDonald mit der "Chaga"-Saga eine andere (und etwas fremdartigere). Nicht zu vergessen auch Stephen Kings Novelle "The Mist", die 2007 sogar verfilmt wurde.

    ... womit wir schon beim Thema Bilder sind, und die kommen im klotzigen 33x25 Zentimeter-Format von "Enormous" besonders gut. Ein Fest für Kaijū-Freunde! Der Schauplatz ist Arizona rings um das verwüstete Phoenix, ein Jahr nach Ausbruch der Katastrophe. Einer menschengemachten übrigens, denn die übergroßen Äquivalente von Insekten, Vögeln, Reptilien oder Antilopen entspringen einem außer Kontrolle geratenen Experiment zur Wiederbegrünung der Wüste. Hauptfigur Ellen, die in einem Rückblick zu Beginn der Geschichte ihre Mutter an ein garagentorgroßes Maul verlor, führt von einem Bunker in der Wüste aus Rettungseinsätze für Kinder durch, die sich noch irgendwo in den Ruinen der Stadt verbergen mögen. Und wie fast immer in postapokalyptischen Szenarien dieser Art kommen zur äußeren Bedrohung als weitere - und größere - Gefahr noch schwerbewaffnete Menschen, die andere Pläne schmieden als die HeldInnen ...

    Tim Daniels Geschichte macht einen fast schon fragmentarischen Eindruck - nicht nur weil das "The End" im letzten Panel mit einem Fragezeichen versehen ist. Im gerafften Ablauf von "Enormous" wird vieles nur angerissen und schreit geradezu danach, weiter ausgearbeitet zu werden. Da die Erzählung zudem diverse räumliche und zeitliche Sprünge vollzieht, glaubt man manchmal, man würde nur die jeweils zweite Seite des eigentlichen Comics lesen. "Enormous" lebt vor allem von den beeindruckenden Illustrationen Mehdi Cheggours, die sich an die Optik von Fotos, die gegen die Sonne geschossen wurden, anlehnen. Mehr muss ich zum Zeichenstil gar nicht sagen - hier gibt es eine Reihe von (vergrößerbaren) Beispielen zu bestaunen. Wer Schwierigkeiten hat, noch ein Exemplar der ersten Auflage zu ergattern, bekommt im Dezember eine zweite Chance: Für dann ist nämlich eine Deluxe-Ausgabe des Bands angekündigt.

    Und wir bleiben beim Thema Fremdheit: Die nächste Rundschau dreht sich schwerpunktmäßig um die Schwierigkeiten, die sich aus der Kommunikation mit Aliens ergeben. Dabei wird auch eine originelle Frage erörtert werden: Wird es nicht Zeit, dass all die Außerirdischen, die seit Jahrzehnten den Sendungen von Radio SETI lauschen, langsam mal Gebühren zahlen? (Josefson, derStandard.at, 25. 8. 2012)

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