Moderne Menschen ärger als eine Naturkatastrophe

23. Juli 2012, 21:00
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Untersuchungen von Rückständen einer gewaltige Eruption vor 40.000 Jahren zeigen: Homo sapiens setzte Neandertalern stärker zu als die Natur

Washington/Wien - Wann und wo der Letzte von ihnen starb, wird sich wohl nie klären lassen. Ganz späte Neandertaler-Funde in Gibraltar werden auf ein Alter von rund 24.000 Jahren datiert. Und kürzlich erst berichteten spanische Forscher vom Fund eines Neandertaler-Werkzeugs in Zentralspanien, das nur 23.000 Jahre alt ist ("Journal of Human Evolution", Band 62, Band 2).

Fest steht, dass die Zahl unserer nächsten Verwandten vor etwa 40.000 Jahren deutlich zurückging, ehe sie dann vor mehr als 20.000 Jahren endgültig ausstarben. Doch wer oder was war daran schuld? Auf diese Frage wurden in den vergangenen Jahren alle möglichen Antworten gegeben. Als eine wichtige mögliche Ursache gilt das Klima. Es gab in diesem Zeitraum immer wieder Kaltzeiten, die von wärmeren Zwischenzeiten unterbrochen wurden.

Vulkanausbruch als Ursache?

Einige Forscher nehmen an, dass der moderne Homo sapiens besser für die ständigen Klimaveränderungen gerüstet war als der Neandertaler. Zusätzlich habe ein schwerer Vulkanausbruch vor etwa 40.000 Jahren den Neandertalern zu schaffen gemacht, der eine kleine Zwischeneiszeit auslöste. Doch nun konnte ein großes internationales Forscherteam genau diese Hypothese widerlegen. Die gewaltige Eruption vor 40.000 Jahren und rapide Klimaschwankungen waren wohl nicht schuld am Tod der Neandertaler.

Ein internationales Forscherteam um John Lowe von der Royal Holloway University of London untersuchte "versteckte" Ablagerungen dieser ausgestoßenen Vulkanasche. Dadurch konnten die Wissenschafter archäologische Funde von Neandertalern und frühen Homo-sapiens-Populationen genauer datieren und die zeitlichen Abläufe besser untersuchen als bisher.

Dabei wurde offenbar, dass die Verwandten des modernen Menschen in kleinen Gruppen lebten und sehr mobil waren. Sie konnten zunächst gut mit solchen Widrigkeiten umgehen, schreiben die Forscher im Fachblatt "PNAS". Auf längere Sicht sei Homo sapiens aber noch besser für die Anforderungen gerüstet gewesen und habe sich gegenüber dem Neandertaler durchgesetzt.

Schwindende Populationen

Offensichtlich sei, dass in vielen Regionen Europas Überreste von Neandertalern sowie Hinterlassenschaften ihrer Kultur schon lange vor dem Vulkanausbruch seltener werden. Stattdessen gibt es vermehrt Fundstücke, die mit dem Vordringen anatomisch moderner Menschen in Verbindung gebracht werden, etwa ausgefeiltere Werkzeuge.

Die Interaktion zwischen Neandertaler und Homo sapiens habe also bereits in der Zeit vor 40.000 Jahren stattgefunden, schreiben die Forscher. Und: Für die urtümlichen Neandertaler habe der Kontakt üble Folgen gehabt - verheerender jedenfalls als der gewaltige Vulkanausbruch. (tasch/APA, DER STANDARD, 24.7.2012)

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    Der Schädel eines Neandertalers (links) im Vergleich zu jenem des anatomisch modernen Cro-Magnon-Menschen. Aktuelle Funde weisen darauf hin, dass das Verschwinden des Neandertalers mit dem Vordringen des Homo sapiens ursächlich zusammenhängt.

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