"Reguläre Kräfte haben weiter Oberhand"

Interview20. Juli 2012, 17:40
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Militärisch sei das Assad-Regime weiter in einer sehr starken Position, und auch im Inneren halte es vorerst noch zusammen, aber es müsse nun einen Vier-Fronten-Krieg führen, sagt Brigadier Walter Feichtinger zu Christoph Prantner.

STANDARD: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Syrien ein?

Feichtinger: Ich sehe die regulären syrischen Kräfte weiterhin in einer sehr starken Position. Insgesamt aber hat das syrische Regime mittlerweile einen Vier-Fronten-Krieg zu führen: Die erste Front sind die politischen Überläufer. Das ist nicht unerheblich, weil es Geschlossenheit und Image sehr stark ramponiert. Die zweite Front sind die Attentäter. Wenn sich die Anschläge fortsetzen, kann dies eine große Verunsicherung innerhalb des Systems bewirken. Die dritte Front sind die Widerstandskämpfer, also "Free Syrian Army" und einzelne Milizen. Die vierte Front ist der internationale Druck, der sich bisher in Grenzen hält.

STANDARD: Wie wirkt sich das Attentat auf die Armeeführung aus?

Feichtinger: Es gibt eine Schockphase. Aber es wurde rasch ein neuer Verteidigungsminister ernannt. Im System selbst gibt es eine zweite Reihe, die fast nahtlos die Funktionen übernehmen kann. Die moralische Komponente ist eine andere. Die Frage lautet: Wem kann ich noch trauen? Assad wird noch vorsichtiger werden. Auch bei Militärs und Nachrichtendiensten wird die Angst vor neuen Attentaten und Verrätern wachsen. Die internen Sicherheitsmaßnahmen werden rigoros angehoben werden. Hier setzt ein interner Prozess ein, der zusätzlich belastend ist, wenn gleichzeitig ein Kampf gegen Widerstandskämpfer zu führen ist.

STANDARD: Wann ist der Punkt erreicht, an dem das Regime intern zu bröckeln beginnt?

Feichtinger: Den Punkt sehe ich derzeit noch nicht. Militärisch haben reguläre Kräfte weiter massiv die Oberhand. Man muss sich nur die Zahlen vor Augen führen: Die Republikanische Garde zählt über 10.000 Mann. Um Damaskus herum sind weitere zigtausend Soldaten stationiert. Dem gegenüber stehen vielleicht 500 oder 1000 Attentäter in Damaskus. Im politischen Bereich könnte sich natürlich eine Veränderung ergeben, durch die drei anderen Fronten, die ich zuvor angesprochen habe.

STANDARD: Damaskus dementiert, dass Assad das Land verlassen will. Glauben Sie, dass solche Verhandlungen parallel laufen?

Feichtinger: Davon bin ich überzeugt. Aber keiner weiß, wie diese Leute, Beispiel Gaddafi, in solchen Situationen wirklich ticken und welche Angebote man ihnen machen kann. Gleichzeitig ist es die mindestens gleich große Herausforderung, auch schon eine Ersatzlösung parat zu haben. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 21.7.2012)

  • Walter Feichtinger (55), Brigadier, leitet das Institut für 
Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der 
Landesverteidigungsakademie Wien.
    foto: bmlv

    Walter Feichtinger (55), Brigadier, leitet das Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement an der Landesverteidigungsakademie Wien.

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