Vier ritterliche Helden und ein Supercasanova

20. Juli 2012, 19:11
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Spannend: Uraufführungen von "Muchogusto" und "Die drei Musketiere"

Villach - Verwinkelte Gassen, einladende Plätze: In lauen Nächten atmet die Villacher Altstadt durchaus mediterranes Flair. Nur die beschauliche Ruhe, in der sich die Stadt im Sommerschlaf wiegt, verweist darauf, dass dies doch Mitteleuropa ist. Wer den nicht zu übersehenden Wegweisern des Carinthischen Sommers folgt, der kann hier abends erstaunliche Töne vernehmen. Abseits der tragenden Säulen Kirchenoper und Orchesterkonzert wartet das Programm durchaus mit Entdeckungen auf, nicht zuletzt in der von Markus Siber kuratierten Reihe "cs_alternativ".

Und so kann es sein, dass man sich im Arkadenhof der Villacher Musikschule plötzlich im Paris des frühen 17. Jahrhunderts wiederfindet: Auf der Bühne stehen d'Artagnan, Athos, Porthos und Aramis, statt Degen halten sie Klarinette, Violine, Oboe und Cello in der Hand - und sie sehen aus wie Gabriele Mirabassi, Roberto Izzo, Mario Arcari und Stefano Cabrera. In spielerischer Manier fechten sie virtuose Wettkämpfe aus, um sich immer wieder in spritzigen Ensemblepassagen zu verbünden.

Mario Arcari hat frei nach Alexandre Dumas' Musketier-Roman vier Szenen ersonnen und sich und seinen Kollegen eine - in Villach erstmals zu hörende - schnittige, in expressiven Improvisationseinlagen kulminierende Kammermusik auf den Leib komponiert. Die exakten Bezüge zur Vorlage blieben an diesem Abend dem Gros des Publikums verborgen, denn Arcari erläuterte diese auf Italienisch. Nun, die Musik hat das durch eigenen Bilderreichtum und zitatreichen, plastischen Witz kompensiert.

Mehr fiel da ins Gewicht, dass Taketa Gohara, der als Kardinal Richelieu vom Mischpult her manipulativ ins Geschehen einzugreifen versuchte, harmlos blieb und nie wirklich Verwirrung stiften konnte.

Mit einer weiteren Uraufführung bewiesen die Festivalmacher ebenso Mut wie der Komponist: Der 24-jährige Lukas Kranzelbinder brachte am Donnerstag seinen Musiktheater-Erstling Muchogusto im Congress Center zur Uraufführung. In dieser "Opera tragi-erotico" über den Super-Casanova Gaël Muchogusto gelingt es Kranzelbinder, eine in sich weitgehend stimmige und kurzweilige Geschichte zu erzählen.

Getragen wird die Performance von einer munter drauflos rockenden Band, angeführt von Gitarrist Tobias Hoffmann und Hammond-Organist Benny Omerzell, und von einem grandiosen Hauptdarsteller: Helmut Bohatsch gibt als einziger Akteur hinter einer halbtransparenten Videowand (szenisch klug und budgetschonend gelöst von Marie Steiner) den Protagonisten Muchogusto, verleiht ihm mit rauer Billigsdorfer-Latin-Lover-Stimme und sparsamen, wirkungsvollen darstellerischen Akzenten Profil.

Natürlich wirft die Produktion auch Fragen auf: etwa jene nach der unzureichend definierten Rolle der von Muchogusto begehrten "Hermanas Sister" (Emily und Phoebe Stewart), die weder als Violinistinnen noch als Sängerinnen noch in den szenischen Einlagen zur Geltung kommen. Und auch jene, ob die assoziative Erweiterung der Geschichte in politische Sphären nicht doch aufgesetzt wirkt.

Dennoch: Hier fand ein junger Musiker mit viel Energie ein Forum, um seine durchaus vorhandenen musiktheatralischen Ideen umzusetzen.    (Andreas Felber, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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