Hausarrest für mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher Csatary

18. Juli 2012, 21:21
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Simon Wiesenthal Zentrum begrüßt Festnahme - Nazi-Jäger Serge Klarsfeld skeptisch

Budapest - Der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher Laszlo Csatary ist am Mittwoch in Budapest festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden. Dem 97-Jährigen, der für die Deportation von 15.700 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz zwischen 1941 und 1944 mitverantwortlich gemacht wird, droht laut Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Kriegsverbrechen. Csatary plädierte demnach auf "nicht schuldig".

Csatary wurde nach der Vernehmung durch einen ermittelnden Militärrichter wieder freigelassen und stieg vor dem Militärgericht in Budapest begleitet von zwei Freunden in ein Auto. Sein Anwalt Gabor Horvath wollte nicht mitteilen, wo sein Mandant seinen zunächst auf 30 Tage begrenzten Hausarrest verbringen werde.

Csatary, der zuletzt ganz oben auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums stand, war vor wenigen Tagen in Budapest aufgespürt worden. Er war während des Zweiten Weltkriegs Polizeichef im jüdischen Ghetto der Stadt Kosice im ungarisch besetzten Teil der Slowakei. Dort soll er Juden grausam misshandelt haben und an Deportationen nach Auschwitz beteiligt gewesen sein.

Gefängnis vorerst erspart

Der 97-Jährige bestritt bei seiner Befragung am Mittwoch seine Verantwortung für die Deportationen. "Er hat bestritten, der Verbrechen schuldig zu sein, die ihm vorgeworfen werden", sagte Staatsanwalt Tibor Ibolya in Budapest. "Eines seiner Verteidigungsargumente ist, dass er Befehlen gehorchte."

Angesichts der Schwere der Vorwürfe und der Notwendigkeit, die Unschuldsvermutung gelten zu lassen, sowie angesichts des hohen Alters des Beschuldigten könnte Csatary laut Staatsanwaltschaft vorerst das Gefängnis erspart bleiben. "In diesem Fall würde die Polizei ihm seinen Pass abnehmen", sagte Ibolya. Csatary sei "in guter körperlicher und geistiger Verfassung" und zudem "kooperativ". Die Festnahme habe Csatary überrascht, doch habe er mit seiner Vernehmung gerechnet.

Der französische Nazi-Jäger Serge Klarsfeld brachte erneut seine Skepsis gegenüber der ungarischen Justiz zum Ausdruck. Csatary werde in dem Land "nicht verurteilt" werden, sagte Klarsfeld der Nachrichtenagentur AFP in Paris. Die Festnahme sei nur ein "Zugeständnis" an die internationale Öffentlichkeit. Klarsfeld begründete seine Ansicht erneut damit, dass die Regierung in Ungarn "extrem rechts" sei. Der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, begrüßte Csatarys Festnahme.

Zum Tode verurteilt

Zuroff ersucht die ungarischen Behörden, das juristische Verfahren zu vervollständigen und Csatary möglichst bald vor Gericht zu stellen, wie er in einer Aussendung am Mittwochabend betonte. Alter sollte Tätern von Holocaust-Verbrechen nicht Schutz bieten, forderte er. Csatary hatte 17 Jahre lang unbehelligt unter seinem echten Namen in Budapest gelebt. Den ungarischen Behörden wurde zuletzt Untätigkeit vorgeworfen, da sie seit mehr als zehn Monaten über Informationen des Wiesenthal-Zentrums zu Csatarys Vergangenheit verfügten.

Csatary war 1948 bereits in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden und hatte lange Zeit unter falscher Identität als Kunsthändler in Kanada gelebt. 1995 setzte er sich nach Ungarn ab, als er von den kanadischen Behörden enttarnt wurde. Vor seiner Flucht hatte er vor kanadischen Ermittlern seine Beteiligung an der Deportation von Juden eingeräumt, seine Rolle aber als "begrenzt" bezeichnet.

Unterdessen macht ein ungarisches Internetportal Jagd auf Demonstranten, die an einer spontanen Protestkundgebung gegen Csatary teilnahmen. "Kuruc.info" veröffentlichte Fotos von den Teilnehmern und setzte ein "Blutgeld" von umgerechnet 350 Euro für die "Identifizierung" der Organisatoren des Protests aus, berichtet der TV-Sender ATV. (APA, 18.7.2012)

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