Zinsmanipulation: Notenbank-Chef unwissend

17. Juli 2012, 18:39
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Mervyn King wehrt sich gegen Anschuldigungen, niedrigen Libor gebilligt zu haben

London - Im Bankenskandal um Zinsmanipulationen weisen die obersten britischen Finanzaufseher jede Verantwortung von sich. "Wir haben das erste Mal von mutmaßlichem Fehlverhalten erfahren, als die offiziellen Berichte vor zwei Wochen herausgekommen sind", sagte der Präsident der britischen Notenbank, Mervyn King, am Dienstag bei einer Anhörung des parlamentarischen Finanzausschusses.

Zuvor habe es dafür keine Anzeichen gegeben. Auch die New Yorker Notenbank, die schon 2008 generelle Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Referenz-Zinssatzes Libor angemeldet hatte, habe ihm gegenüber keine Bedenken geäußert. King wehrte sich mit den Aussagen gegen die Darstellung der britischen Großbank Barclays, wonach die Bank von England die Libor-Manipulationen vor einigen Jahren gebilligt haben soll. Dadurch ist die Notenbank unter Druck geraten. Der Bankenskandal ist in Großbritannien zu einem Politikum geworden.

Die Vorwürfe gegen die Aufseher bekamen am Montag neue Nahrung, nachdem ein Ex-Manager von Barclays in einer Anhörung Details zu den Zinsverzerrungen preis gegeben hatte. Er habe Mitarbeiter zur Meldung von künstlich niedrigen Zinssätzen angewiesen, räumte der kürzlich zurückgetretene Bankvorstand Jerry del Missier ein. Dabei habe er auf Anweisung von Barclays-Chef Bob Diamond gehandelt. Auch Diamond musste wegen des Skandals seinen Hut nehmen. Dieser hat jedoch erklärt, keine Anweisungen zur Übermittlung falscher Zinsen gegeben zu haben. Doch Del Missier betonte, Diamond habe ihm gesagt, die Notenbank und die britische Regierung seien besorgt über die relativ hohen Zinskosten von Barclays. Sie wollten daher, dass die Bank niedrigere Sätze melde.

Hohe Zinsen im Geldmarktgeschäft waren nach dem Fall von Lehman Brothers ein Indiz dafür, dass die betroffene Bank nur schwer an Kredite kommt. Die Institute trachteten zu dieser Zeit danach, nicht ins Gerede und somit möglicherweise in Bedrängnis zu kommen.

Neben King musste am Dienstag unter anderem auch der Chef der Finanzaufsicht, Adair Turner, den Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Eigentlich sollte es um den Finanzstabilitätsbericht der Bank von England gehen, aber zunächst stand der Libor-Skandal im Mittelpunkt. Turner machte deutlich, dass Diamond auf Drängen der Aufsicht habe zurücktreten müssen. "Ich gehe fest davon aus, dass ein Verbleiben Diamonds im Amt den Aktionären geschadet hätte", sagte er und verwies auf den massiven öffentlichen Druck nach dem Bekanntwerden des Skandals. Er habe dies mit King auch der Bank mitgeteilt. (Reuters, DER STANDARD, 17.7.2012)

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