Die Vielfalt der Bohnen und das Abgründige der Nation

16. Juli 2012, 18:30
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Maribor und Guimarães, die europäischen Kulturhauptstädte 2012, sind nicht nur geografisch weit voneinander entfernt, sondern auch in der Art, wie sie Kultur und Nation in Beziehung zueinander setzen.

Maribor/Guimarães/Wien - Ungefähr so wird es früher wohl gewesen sein. Auf dem Markt von Maribor nahe der Uferpromenade Lent gibt die Standlerin einen Schnellkurs in Bohnenkunde. Eine Steirerin slowenischer Zunge spricht in gebrochenem, aber gut verständlichem Deutsch zu Steirern deutscher Zunge, die des Slowenischen nicht mächtig sind. Die Vielfalt der angebotenen Hülsenfrüchte ist noch beeindruckender als die Qualität des Zwetschkernen, den die Bäuerin nach Abschluss des Geschäfts kredenzt. Der Stolz der Gast-Steirer auf ihre Käferbohne hat es bei diesem Angebot nicht einfach.

Früher hieß Maribor Marburg. Bis 1918 bildete es zusammen mit Pettau (Ptuj) und Cilli (Celje) die deutschen Sprachinseln im slowenischen Umland der Untersteiermark (Stajerska). Was danach geschah, zählt zu den großen Tragödien Mitteleuropas.

Dort unten habe ich gefühlt, dass in der Luft dieser Stadt und dieser Welt etwas verkehrt ist, dass sich etwas anbahnt und heraufzieht, und ich weiß wirklich nicht, was Schlimmes geschehen wird. Was der deutsch-österreichische Besucher Josef Erdmann in dem beklemmenden Roman Nordlicht des gebürtigen Marburgers Drago Jancar (in neuer Übersetzung von Klaus Detlef Olof im Folio-Verlag erschienen) nur ahnt, wissen wir inzwischen.

Denn dass dieses Land, wenn einmal der Führer seinen Beauftragten entsendet hat, deutsch ist auf ewig, daran zweifelt heute auf der Welt niemand mehr. So sprach Sigfried Uiberreither, Gauleiter von Steiermark und nach dem deutschen Einmarsch in Jugoslawien von Hitler zum Chef der Zivilverwaltung in der Untersteiermark ernannt, am 14. April 1941 in Marburg.

Aus den nördlichen Gebieten müssen die Reste des Deutschtums verschwinden (...) Genosse Tito ist uns Gewähr dafür, dass in diesen Gebieten niemals mehr der deutsche Imperialismus regieren wird. So sprach der slowenische Regierungschef Boris Kidric im Juni 1945 in Maribor über die Einstellung und das Vorgehen der Kommunisten. (Beide Zitate stammen aus der sehr lesenswerten "kleinen Stadtgeschichte" Maribor / Marburg an der Drau der österreichisch-slowenischen Historikerin Tamara Griesser-Pecar, Böhlau-Verlag.)

Eher eine Pflichtübung

Die Konsequenzen dieser nationalistisch aufgeladenen Ideologien sind im heutigen Stadtbild von Maribor zu besichtigen. Die Geschichte und die Geschichten dazu muss sich der Besucher selbst erarbeiten. Denn das Kulturhauptstadtprogramm ging darauf nur am Rande ein: mit der Ausstellung "Nemci i Maribor" (Die Deutschen und Marburg), die nur drei Monate gezeigt wurde und, wiewohl ambitioniert, eher wie eine Pflichtübung wirkte.

Dabei müsste für eine Stadt mit dem Erbe Maribors das Spannungsfeld von Nation, Sprache und Kultur schlichtweg das Thema sein. Das wäre auch für Slowenien insgesamt eine Chance gewesen, seine jüngere Geschichte endlich offen aufzuarbeiten. Eine Geschichte, die sich lästigerweise immer wieder durch neu entdeckte Massengräber mit Opfern ideologisch motivierter Abrechnungen in Erinnerung ruft. Aber offenbar ist die slowenische Gesellschaft noch immer nicht so weit.

Völlig andere Voraussetzungen hat da Guimarães (ausgesprochen etwa: " Gimarainsch"). Wenn der letzte nationale Konflikt fast 900 Jahre zurückliegt, tut man sich mit dem Thema zugegeben um einiges leichter. 1140 sagte sich Alfonso Henriques, Sohn Heinrichs von Burgund, nach einem Sieg über die Araber von den Spaniern los und machte Guimarães zu ersten Hauptstadt Portugals.

So atmet die Stadt mit ihrem bezaubernden historischen Kern den ruhigen Stolz einer alten Kulturnation. Für die Organisatoren des Kulturhauptstadtprogramms war das eine Herausforderung. Konfrontation mit anderen Kulturen ist ein Schwerpunkt. Zugleich aber wurde die Bevölkerung unter dem Motto "Wir nehmen teil" zum aktiven Mitmachen eingeladen - mit durchschlagendem Erfolg.

Kreative Bürger

Praktisch in jedem Schaufenster ist eine meist sehr kreativ gestaltete, auf die jeweilige Branche abgestimmte Version des Kulturhauptstadtlogos zu bewundern - etwa aus Lippenstiften, Blumen, Haarlocken, kleinem Gebäck etc. etc. Der Schlosser am Hauptplatz hat das herzförmige Logo gleich zu seinem neuen Firmenschild aus Eisen umfunktioniert. Die Verkäuferin eines Souvenirgeschäfts hat beim Eingang unter ihr eigenes Werk das ihrer Tochter gehängt - Bilder von König Alfonso mit Texten zur Geschichte.

Aber oft tauchen in den Auslagen neben den Logos auch Porträts eines Mannes auf, der mit der Stadt und ihrer Geschichte eigentlich nichts zu tun hat: von Fernando Pessoa, Portugals bedeutendstem Dichter (1888-1935). Pessoa gab seinem gespaltenen Ich Namen (Heteronyme), unter denen er schrieb. "Pessoa" selbst bedeutet auf Portugiesisch so viel wie Person, Maske, Fiktion, niemand. Dass eine Stadt zugleich mit ihrem scheinbar so eindeutigen kulturellen Erbe auch eine in sich so widersprüchliche Künstlerpersönlichkeit feiert, verblüfft.

In einem neu eröffneten Geschäft für exquisite Tisch- und Bettwäsche in der Altstadt steht an der Wand ein Zitat von Álvaro de Campos, einem der Heteronyme Pessoas: Tenho em mim todos os sonhos do mundo. (Ich habe alle Träume der Welt in mir.) Im Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, Pessoas berühmtestem Werk, heißt es: Von meinem vierten Stock aus, über dem Unendlichen, in der klaren Vertrautheit des anbrechenden Abends, am Fenster vor den aufgehenden Sternen, schweifen, im rhythmischen Einklang mit der sich öffnenden Entfernung, meine Träume hin zu unbekannten, gedachten oder auch nur unmöglichen Ländern.

Pessoa verarbeitete sein Identitätsproblem literarisch großartig durch Persönlichkeitsaufspaltung. An Drago Jancars tragischem Romanhelden Erdmann, der das Abgründige in seiner Geburtsstadt nicht verkraftet, wird am Ende eine schizophrene Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Vielleicht träumt auch er von einem unmöglichen Land - das es einmal gegeben hat. In einem Schlüsseltext der Marburger Ausstellung wurden die Verhältnisse vor dem Hochkochen der nationalen Frage so beschrieben: Ein Bewohner Maribors, Celjes oder Ptujs war in erster Linie ein Steirer und dann ein bewusster Bürger und Lokalpatriot, der sich dem Deutsch- und Slowenentum gegenüber neutral verhielt.

Eine Ahnung davon beschlich uns nicht nur beim Bohnendiskurs auf dem Markt von Maribor, sondern ebenso in den Gassen von Guimarães. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 17.6.2012)

  • Der Revolutions-Platz in Maribor/ Marburg wurde seit 1913 achtmal umbenannt (aus der Ausstellung "Nemci in Maribor").
    foto: der standard/kirchengast

    Der Revolutions-Platz in Maribor/ Marburg wurde seit 1913 achtmal umbenannt (aus der Ausstellung "Nemci in Maribor").

  • Der Stadt sieht man heute die historischen Brüche deutlich an, was auch slowenische Folklore nicht überdecken kann.
    foto: der standard/kirchengast

    Der Stadt sieht man heute die historischen Brüche deutlich an, was auch slowenische Folklore nicht überdecken kann.

  • "Hier wurde Portugal geboren", steht auf einem Rest der alten Stadtmauer von 
Guimarães.
    foto: der standard/kirchengast

    "Hier wurde Portugal geboren", steht auf einem Rest der alten Stadtmauer von Guimarães.

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  • In den Schaufenstern der Geschäfte wandeln die Inhaber das 
Kulturhauptstadtlogo entsprechend der eigenen Branche ab, meist sehr kreativ. 
"Ich nehme teil" - das gilt für die meisten Einwohner.
    foto: der standard/kirchengast

    In den Schaufenstern der Geschäfte wandeln die Inhaber das Kulturhauptstadtlogo entsprechend der eigenen Branche ab, meist sehr kreativ. "Ich nehme teil" - das gilt für die meisten Einwohner.

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