Studie: ELGA-Konflikt schädigte Image der Ärztekammer

15. Juli 2012, 17:33
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Polarisierung sorgt für Unmut in Bevölkerung - Patienten fürchten um Kontakt mit Doktoren

Wien - Das bisher positive Image der Ärztekammer in der Öffentlichkeit bröckelt. Das geht aus einer finanziell unabhängig erstellten Studie des Instituts für Politikwissenschaften der Uni Wien unter dem Titel "Politische Kontroverse um die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte (Elga)" hervor.

Zwischen März und Juni 2012 fanden Gesprächsrunden mit 250 Personen statt, unter anderem mit Migranten, Pensionisten und chronisch Kranken. Laut Studienleiter Herbert Gottweis wird Elga als Projekt grundsätzlich mit Wohlwollen aufgenommen. Dennoch steht ein Großteil der Bürger einer systematischen Aufbereitung der Krankengeschichten kritisch gegenüber, weil sie sich trotz umfangreicher Berichterstattung unzureichend und unsachgemäß informiert fühlen. Ausschlaggebend ist die Furcht vor einer Einschränkung des gelebten Kontaktes zwischen Arzt und Patienten.

Eigeninteresse

Harsche Kritik übte ein großer Teil der Befragten am Vorgehen der Ärztekammer, da dieses als unauthentisch und von Eigeninteresse geleitet empfunden wurde. Die Meinung, dass die Ärzteschaft über Patienteninteressen rede, sich aber vor finanziellen Einbußen und Machtverlust fürchte, ist weitverbreitet.

Im Gegensatz dazu wurden die Informationen des Gesundheitsministeriums und der Elga-GmbH als sachlich und objektiv, wenn auch zu spärlich beurteilt. Dass durch Elga der "gläserne Patient" drohe, wird nicht ganz so stark gefürchtet, wie von der Ärztekammer kolportiert. Allerdings erscheint das Versprechen, dass die gespeicherten Daten zu 100 Prozent sicher seien, vielen Befragten unglaubwürdig.

Unter Slogans wie "Elga stellt Sie vor den anderen bloß" und "Elga kostet Sie Ihr letztes Hemd" wurden Ende des Vorjahres Inserate in Tageszeitungen geschaltet. Die aktuelle Studie der Politikwissenschafter besagt, dass dies dem Image der Ärztekammer schadete. "Den Menschen ist bewusst, dass ein hochkarätiges Gesundheitssystem mit einer großen Menge von Daten und Informationen verbunden ist. Deshalb wird die ablehnende Haltung der Ärztekammer von vielen infrage gestellt. Je öfter sich die Ärzteschaft in ihrer Argumentation als Retter der Patienten positioniert, desto größer wird ihr Glaubwürdigkeitsdefizit", sagte Gottweis.

"Einfach verweigern"

Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger verwies erst vorige Woche darauf, dass die Ärzte die Umsetzung von Elga "einfach verweigern" würden, wenn die Ärztekammer mit ihren Argumenten bei der Politik kein Gehör finden sollte. Gleichzeitig hielt er aber eine Zustimmung für möglich, wenn ein Elga-Modell vorgelegt werde, das die Arbeit der Ärzte erleichtern würde.

Uneinigkeit herrscht auch in der ÖVP. Gesundheitssprecher Erwin Rasinger sagte dem Standard Ende Juni, dass seine Partei keinem Gesetz zustimmen werde, das mit einer Verfassungsklage ausgehebelt werden könne. Die Wiener Gemeinderätin Ingrid Korosec (VP) und VP-nahe Organisationen wie die Industriellenvereinigung sprachen sich hingegen für Elga aus. Mit einer Entscheidung ist frühestens im kommenden Herbst zu rechnen. (Florian Peschl, DER STANDARD, 16.7.2012)

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    Die Patienten fürchten sich vor einer Einschränkung des gelebten Kontaktes zwischen Arzt und Patienten.

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