Fesche Wäsche, aber made in China

14. Juli 2012, 13:35
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Dass die Paradeuniformen des Team USA für die Olympischen Spiele ausgerechnet in China geschneidert wurden, sorgt in Wahlkampfzeiten für Empörung. Sogar die Abfackelung der schicken Kollektion wird gefordert

Harry Reid ist normalerweise kein Mann lauter Töne. Man kann sogar sagen, dass er unter den einhundert US-Senatoren zu den leisesten zählt, ein Redner, der bisweilen fast flüstert und stets ganze Silben verschluckt, der lieber in Hinterzimmern an Gesetzesentwürfen feilt, statt hinter Mikrofonen das große Wort zu schwingen. Mit Blick auf Olympia allerdings hat sich der Fraktionschef der Demokraten vom patriotischen Bazillus anstecken lassen. Die Kostüme, in denen die US-Athleten bei der Eröffnungsfeier am 27. Juli in Londoner aufmarschieren, würde Reid am liebsten in Flammen aufgehen lassen. "Ich denke, sie sollten diese Uniformen auf einen großen Haufen werfen, anzünden und noch einmal von vorn beginnen", polterte der Bergarbeitersohn aus Nevada.

An der Optik hat Reid nichts auszusetzen. Marineblaue Blazer, rotgestreifte Krawatten, weiße Röcke beziehungsweise Hosen: Die Farben des Sternenbanners sind alle vertreten. Allerdings ließ Ralph Lauren, ein amerikanisches Modehaus wohlgemerkt, die Sachen in China schneidern, was in Washington zu einem Aufschrei der Entrüstung führte. Das Bemerkenswerte ist, dass der Zorn keine Parteigrenzen kennt. Normalerweise blockieren Demokraten und Republikaner einander, wo es nur geht. In Sachen Olympia-Outfit sind sie sich aber einig.

Republikaner schimpfen

"Eigentlich müssten sie es in unserem Olympischen Komitee besser wissen" , schimpft John Boehner, der republikanische Speaker des Repräsentantenhauses, "und eine Auftragsvergabe nach China nicht dulden." " Amerikanische Sportler sollten amerikanische Sachen tragen", sekundiert Nancy Pelosi, die nicht nur Boehners Amtsvorgängerin ist, sondern auch seine schärfste Widersacherin. Hugo Boss möge das Team USA rasch neu einkleiden, regt Sherrod Brown, ein Senator aus Ohio, an - vorzugsweise mithilfe einer Boss-Fabrik in Cleveland, Ohio.

Die Empörung erinnert an eine Episode des Winters 2002. Bei den olympischen Zeremonien in Salt Lake City trugen die Hoffnungsträger der Gastgeber Barette aus Kanada, was im Nu für Ärger sorgte. Diesmal ist der Ton schärfer, zumal sich im Wahlkampf vieles um die diffuse Angst vor der neuen Supermacht China dreht.

Alle vier Jahre

Für Mitt Romney stehen Handelskonflikte mit Peking auf der Agenda ganz oben. Geht es nach dem Exgouverneur, wird das Weiße Haus bald mit harten Bandagen kämpfen, ganz gleich, ob es sich um abgekupferte Patente, Währungsmanipulationen oder Zollbarrieren handelt. Präsident Barack Obama wiederum wirft seinem Herausforderer vor, Tausende Jobs ins Reich der Mitte ausgelagert zu haben, als es darum ging, mit der Beteiligungsgesellschaft Bain Capital Maximalprofit zu erzielen. Am enormen chinesischen Überschuss im Handel mit den USA hat sich wenig geändert. 2011 belief er sich auf 202 Milliarden Dollar. Dass selbst das iPad in Chengdu hergestellt wird, beklagen Politiker wie Harry Reid seit langem ebenso lautstark wie folgenlos.

Hinzu kommt eine Welle stolzen Fähnchenschwenkens, die jedes Mal mit Olympischen Spielen durchs Land schwappt. "Alle vier Jahre", hat es Adam Gopnik im "New Yorker" zugespitzt, "ergreift uns Amerikaner eine brennende Leidenschaft für Athleten, deren Namen wir noch nie gehört haben, die an Wettbewerben teilnehmen, für die wir uns sonst nie interessieren, nach Regeln, die wir nicht kennen." Synchronschwimmerinnen etwa werden dann für kurze Zeit so populär, als wären sie Baseballprofis der Yankees.(Frank Herrmann, DER STANDARD, 14./15. Juli, 2012

Online-Update: Nach der Kritik soll die Teamkleidung künftig in den USA produziert werden. Da die Athleten bereits ihre Kleidung für die Eröffnungs- und Abschlussfeiern in London erhalten hätten, sei es zu spät für Änderungen bei den diesjährigen Sommerspielen, sagte der Chef des Olympischen Komitees der USA, Scott Blackmun. Hersteller Ralph Lauren werde aber sicherstellen, dass die Kleidung für die Winterspiele 2014 in den USA gefertigt werde. (APA)

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    Schwimmer Ryan Lochte, Zehnkämpfer Bryan Clay, Ruderer Giuseppe Lanzone und Fußballerin Heather Mitts (von links) in der umstrittenen Panier für die Eröffnungsfeier der Spiele.

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