Schutzgelderpressung am Naschmarkt: Nervenstarker Angeklagter

13. Juli 2012, 18:02
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Schutzgeld am Naschmarkt: Überraschendes Video

Wien - Der Fall um eine angebliche Schutzgelderpressung am Naschmarkt wird immer mysteriöser. Am zweiten Verhandlungstag wurde im Wiener Landesgericht dem Schöffensenat unter Vorsitz von Nicole Baczak nämlich ein Video vorgeführt, das die Version des Angeklagten, er sei Opfer eines Rachefeldzugs, glaubwürdiger erscheinen lässt.

Seit fünf Monaten sitzt Peter K. in Untersuchungshaft. Der Vorwurf: Er und sein flüchtiger Zwillingsbruder sollen seit dem Vorjahr zwei Lokalbesitzer erpresst haben - um 200 Euro. Als nicht gezahlt wurde, seien die Gaststätten verwüstet worden. Dass Fenster zerstört und Wände mit Farbe besprüht worden sind, steht fest. Klare Beweise, dass der 46-jährige Angeklagte der Täter gewesen ist, gibt es allerdings nicht.

Sowohl der angeblich erpresste Erdal T. als auch Peter K. sind sich in einem einig: Begonnen hat die Sache mit sonntäglichen Bauarbeiten, durch die sich der Angeklagte gestört gefühlt hat. K. argumentiert, er als Anrainer habe ein Recht auf Sonntagsruhe, daher habe er sich mehrmals beschwert.

Wochen nachdem die Erpressungen begonnen haben sollen, war es K. wieder zu laut. Da schnappte er sich eine Kamera, ehe er zur Baustelle ging. Und diese Aufzeichnung zeigte am Freitag tatsächlich Seltsames. Denn entweder ist K. ein nervenstarker Erpresser - oder eben gar keiner.

K. nähert sich den Arbeitern und verlangt mehrmals in ruhigem Ton deren Bewilligung, dass sie am Sonntag arbeiten dürfen. Unvermittelt sagt einer der Angesprochenen, er habe alle anderen als Zeugen, dass er von K. bedroht worden sei.

Der Angeklagte bleibt stur und will ein Ende der Bauarbeiten. Was plötzlich dazu führt, dass ihm sein Gegenüber aktiv 200 Euro anbietet, wenn er sie in Frieden lasse. K. schlägt das aus, wird langsam wütend und droht mit Konsequenzen - welchen, bleibt offen. Die Drohung des Arbeiters, er werde jetzt die Polizei rufen, quittiert er mit der Feststellung, er werde sie selbst kontaktieren.

K. holt sein Handy aus seiner Wohnung und ruft am Rückweg tatsächlich die Polizei an, der er erklärt, ihm werde fälschlicherweise eine Straftat vorgeworfen. Zurück auf der Baustelle, ist zu sehen, wie einer der Männer dort ebenfalls in sein Mobiltelefon spricht - und erzählt, K. habe eine Waffe und ihn mit dem Umbringen bedroht. Was ganz offensichtlich nicht stimmt, denn der Beschuldigte hat ständig die Videokamera in der einen Hand und die zweite in der Hosentasche.

Mysteriös ist auch der Zeugenauftritt des Arbeiters Muharem M., der einen früheren Vorfall schildert, als K. mit erhobenen Maurerhammer auf ihn und andere zugekommen sein soll. Davon habe er auch drei Fotos gemacht. Nur: Der verständigte Polizist habe gefordert, dass er diese Bilder vor seinen Augen löschen soll.

Vorsitzende Baczak will nun diesen Beamten ausfindig machen. Da fünf Zeugen, darunter zum zweiten Mal der angeblich zweite erpresste Lokalbesitzer, nicht erschienen sind, wird auf August vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 14./15.7.2012)

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