Rundschau: Menschheit am Scheideweg

    Ansichtssache21. Juli 2012, 10:19
    42 Postings

    SF-Highlights: Robert Charles Wilsons "Vortex" und David Brins "Existence" - dazu Werke von Lavie Tidhar, Brandon Sanderson und Michael K. Iwoleit

    Bild 4 von 10
    coverfoto: wurdack

    Michael K. Iwoleit: "Die letzten Tage der Ewigkeit"

    Broschiert, 256 Seiten, € 13,40, Wurdack 2012

    Unter den Faktoren, die einen auf ein Buch aufmerksam machen können, spielt der Verlag für mich normalerweise eine eher untergeordnete Rolle. Allerdings zeichnen sich im Verlauf der Jahre doch einige Muster ab, und eines davon lautet: Bei Wurdack findet man exzellente deutschsprachige Science Fiction. Zu den AutorInnen, die ich über den kleinen Verlag aus der Oberpfalz kennengelernt habe, zählen unter anderem Heidrun Jänchen, Karsten Kruschel, Frank Hebben und Karla Schmidt - jede/r davon hat mir Leseerlebnisse weit über dem Durchschnitt beschert. Da gesellt sich nun Michael K. Iwoleit hinzu. Nicht dass der Autor, Übersetzer, Herausgeber und Kritiker von SF neu im Geschäft wäre ... aber ich bin's eben. Vier Jahre Rundschau machen noch keinen Sommer. Nach der Lektüre der in "Die letzten Tage der Ewigkeit" versammelten zwei Novellen und vier Kurzgeschichten ist jedenfalls der Appetit auf Iwoleits frühere Werke geweckt. Nicht zuletzt, weil diese Erzählungen etwas einbringen, vor dem deutschsprachige AutorInnen mehrheitlich zurückzuschrecken scheinen: einen Touch Hard-SF.

    Am drastischsten zeigt sich dies in der ältesten der hier präsentierten Geschichten, "Wachablösung" aus dem Jahr 1995. Die Erzählung beginnt mit der minutiösen Schilderung einer posthumanen Geburt. In sachlich-kalter Weise läuft vor uns der Prozess ab, in dem ein namenloses Individuum in eine globale Vernetzung hineingeboren wird, um schließlich auf einen anderen Planeten geschickt zu werden. Dort beobachtet es die Ablöse einer kristallinen durch eine organische Evolution, während in ihm selbst der umgekehrte Prozess abläuft: Schritt um Schritt entwickelt sich sein künstlicher Aktionskörper weiter, bis sein unnütz gewordener biologischer Restanteil ausgeschieden wird wie Kot. Vier Jahre später schrieb Iwoleit "Der Schattenmann" - nebenbei ein Paradebeispiel dafür, wie gut es ist, wenn eine Kurzgeschichte nicht mit dem Ausrufezeichen einer Pointe, sondern mit einem gespannten Fragezeichen endet. Besagter Schattenmann überwacht bei öffentlichen Auftritten wohlhabender Personen die Datenflüsse in deren Umgebung - schließlich besteht in der Haifisch-Ökonomie seiner Ära jederzeit die Gefahr eines Mind-Hacks. Bei einem Attentat wird er so schwer verstümmelt, dass er eigentlich sterben müsste - doch auf irgendeine Weise krallen sich seine Überreste am Leben fest. Und entwickeln sich zu etwas Neuem.

    Biotechnologische Elemente haben - ob beabsichtigt oder nicht - bei Iwoleit eine tendenziell schrecken- bis ekelerregende Komponente. Das gilt auch für die monströsen Hassler-Frogs in der Titelgeschichte "Die letzten Tage der Ewigkeit": Gigantische Zuchtkreaturen, die durch verwaiste Landstriche kriechen und sämtliche Biomasse in brauchbare Substanzen umwandeln. Doch konnte sich vor diesem Biopunk-Hintergrund wider Erwarten ein Stück alter Futurismus etablieren, also einer, in dem Mobilität statt Information im Fokus steht. Wir fühlten uns wie Angehörige eines neuen Volkes, das nur aus jungen, hoffnungsvollen Menschen bestand, denen chauvinistische Dünkel nichts bedeuteten, heißt es in "Die letzen Tage". Das klingt wie eine nostalgische Erinnerung an die Zeit, bevor die Science Fiction den Zynismus entdeckte - doch das persönliche Wettrennen um den Ruhm des ersten Überlichtflugs, ausgetragen zwischen einem Theoretiker und einem Tatmenschen, wird noch eine bittere Windung nehmen.

    Iwoleits Interesse scheint eher der theoretischen als der praktischen Physik zu gelten (ein geostationärer Orbit über dem Kaspischen Meer?), aber dort lauern ja auch die Fragen, die die Existenz betreffen. Was in "Die letzten Tage" bereits anklang, wird in "Planck-Zeit" noch stärker herausgearbeitet. Rein theoretisch besteht ja die Möglichkeit, dass unser Universum in seiner jetzigen Form (inklusive unserer Erinnerungen an eine vermeintliche Vergangenheit) gerade erst dem berühmten Quantenschaum entsprungen ist. Was das für einen Unterschied macht? Nun ja, die Naturgesetze wären dann kein seit Jahrmilliarden eingespieltes Team ... vielleicht stellt sich ja heraus, dass sie langfristig gar nicht funktionieren. Wissenschaftsjournalist Konrad entdeckt in "Planck-Zeit" jedenfalls beunruhigende Anzeichen dafür, dass sich ursprünglich winzige Veränderungen allmählich auf immer höhere Ebenen erstrecken - am Ende könnte die komplette Auflösung der Realität stehen.

    Bei längeren Erzählungen kommt die persönliche Entwicklung der ProtagonistInnen naturgemäß stärker ins Spiel als bei den kurzen. "Ich fürchte kein Unglück" dreht sich um einen Software-Entwickler, der wegen einer Affäre seine Karriere hinschmeißt, später aber zu den LightCubes genannten neuartigen Computern, die ihn berühmt gemacht haben, zurückkehrt, um mit ihnen nach möglichen Signalen in der kosmischen Hintergrundstrahlung zu forschen. Für mich die schwächste Geschichte in diesem Band, dafür aber direkt gefolgt von der besten. Und es ist doch immer wieder eine Freude, wenn man feststellen kann, dass die beste Geschichte zugleich die jüngste ist. "Zur Feier meines Todes", hier erstmals erschienen, führt uns anhand des Lebens einer Person - Gavril - das Entstehen und Voranschreiten einer posthumanen Zivilisation vor Augen.

    Gavril scheidet freiwillig aus dem Leben - was wiederum einem jungen Ehepaar die behördliche Erlaubnis gibt, ein Kind zu zeugen. Auf der dazugehörigen Feier können die Gäste in Simulationen die wichtigsten Stationen von Gavrils Lebensweg nachempfinden. Dazu gehören sehr persönliche Momente wie die Trennung von seiner Frau, die eine künstliche Unsterblichkeit kategorisch von sich weist. Aber auch globale Wegmarken wie der Massenmord an normalsterblichen Menschen durch eine neu entstehende Schwarmintelligenz. Oder der Bau eines Mega-Damms in der Beringstraße, den die neuen Mächte in Asien und Ozeanien vorantreiben, ohne einen Deut darauf zu geben, dass ihren einstigen Kolonialherren in Europa und Nordamerika damit eine neue Eiszeit droht (schade nur, dass Iwoleit später nicht mehr darauf eingeht, wie all das weitergegangen ist). Gavril selbst spielt dabei eine ambivalente Rolle: Mal treibt er neue Entwicklungen voran, mal reagiert er auf die, die noch weiter vorangeschritten sind als er selbst, mit dem gleichen Entsetzen wie seine Frau einst auf ihn. Der glückliche Vater in spe, den Gavril auf seine Abschiedsparty eingeladen hat, betrachtet den einstigen Pionier insgeheim längst als Relikt.

    Abschiede sind das Generalthema dieser beeindruckenden Erzählung. Und stets lässt das Neue das Alte gnadenlos hinter sich - symbolhaft dafür das Verfahren der Mnemotomie, mit dem man sich belastende Erinnerungen einfach entfernen lassen kann. Eine junge Frau auf Gavrils Party schließt aus ihrer Einladung, dass sie in irgendeiner Beziehung zum Gastgeber gestanden haben muss ... aber so genau wissen will sie's eigentlich lieber nicht. Und Gavril, der in seinen nun schon 250 Jahren von einem Lebensentwurf zum anderen gependelt ist, muss sich stellvertretend für alle die Frage stellen, ob es in dieser Welt der unbegrenzten transhumanen Möglichkeiten überhaupt noch Platz für das gibt, was wir unter einem Menschen verstehen. Die existenzielle Unsicherheit, die in "Die letzten Tage der Ewigkeit" und "Planck-Zeit" aus den Tiefen des Universums über uns hereinbricht, kommt nun aus uns selbst. Das ist State of the Art Science Fiction.

    weiter ›
    Share if you care.