Rundschau: Menschheit am Scheideweg

    Ansichtssache21. Juli 2012, 10:19
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    SF-Highlights: Robert Charles Wilsons "Vortex" und David Brins "Existence" - dazu Werke von Lavie Tidhar, Brandon Sanderson und Michael K. Iwoleit

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    coverfoto: heyne

    Brandon Sanderson: "Jäger der Macht"

    Broschiert, 413 Seiten, € 14,40, Heyne 2012 (Original: "The Alloy of Law", 2011)

    [Keine Ahnung, worauf sich der deutsche Titel bezieht ... ups, pardon, ich bin schon auf Sendung ...] Drei Jahrhunderte, nachdem die "Mistborn"-Trilogie von Fantasy-Erfolgsautor Brandon Sanderson in kataklysmischen Ereignissen endete, und zugleich drei Jahre Realzeit später finden wir uns auf der Welt Scadrial wieder. Und die Welt hat sich weitergedreht, wie Stephen King das in seiner "Turm"-Reihe so schön ausdrückte. Die Helden von einst sind zu religiös verbrämten Legenden geworden (was den einen oder anderen Cameo-Auftritt nicht ausschließt), dafür hat das High-Fantasy-Setting Platz gemacht für Dampflokomotiven, Elektrizität, Handfeuerwaffen (jede Menge Handfeuerwaffen) und sogar soziologische Konzepte wie die Broken-Windows-Theorie. Ähnlich wie bei Thomas Plischkes Reihe "Die zerrissenen Reiche" erleben wir, wie eine Fantasy-Welt in eine neue historische und technologische Epoche eintritt.

    Zentrum des Geschehens ist die Millionenmetropole Elantel, die übrigens nur auf Deutsch Assoziationen an Sandersons Debüt-Roman "Elantris" weckt, im Original heißt sie Elendel. Sie liegt inmitten eines dicht besiedelten zivilisierten Beckens, während außerhalb der dieses umschließenden Bergketten das Rauland liegt; oder anders ausgedrückt: der Wilde Westen. Mit allem, was dazugehört. Und weil die magischen Kräfte von Allomantie und Ferrochemie, die der konzeptfreudige Sanderson für seine "Mistborn"-Reihe entwarf, immer noch wirken und ihren TrägerInnen fantastische Fähigkeiten verleihen, haben wir es mit Fantasy zu tun, die sich zu gleichen Teilen aus den Genres Steampunk, Western und Superheldengeschichte speist.

    Hauptfigur des Romans ist Waxillium "Wax" Ladrian, ein Münzwerfer. Soll heißen: Er kann eine Abstoßungskraft zwischen sich und Stahl erzeugen, die - je nach Masseverhältnis - entweder das Metall oder ihn selbst in beschleunigte Bewegung versetzt. Superleicht bzw. superschwer machen kann er sich darüberhinaus auch. Sein Kumpel Wayne wiederum verfügt über Selbstheilungskräfte und vermag eine Zeitblase um sich zu erzeugen, in der er übermenschlich schnell ist (allerdings anders als The Flash ortsgebunden bleibt). Sanderson ist konzeptfreudig, wie gesagt: Dem Roman ist ein Glossar angefügt, in dem die sinnverwirrende Vielfalt allomantischer und ferrochemischer Fähigkeiten, die sich aus der Manipulation diverser Metalle und Legierungen ergibt, durchexerziert wird. Das liest sich wie die Anleitung zu einem Rollenspiel der komplizierteren Art ... muss glücklicherweise aber keineswegs auswendig gelernt werden, um den Roman zu verstehen. Fans der "Mistborn"-Reihe haben gegrummelt, dass die magische Metallhandhabung in "Jäger der Macht" keine so große Rolle spielt wie in den Romanen zuvor; NeueinsteigerInnen hingegen dürfen erleichtert aufatmen. Und ganz davon abgesehen: Waynes ganz un-magische Verkleidungskünste sind mindestens so unterhaltsam wie der ganze Metallkram.

    Wax & Wayne (im Englischen ein hübsches Wortspiel) waren ursprünglich als Gesetzeshüter im Rauland umtriebig - bis Wax als Erbe eines bedeutenden Handelshauses nach Elantel zurückgerufen und mit dem Umstand konfrontiert wird, dass die ökonomischen Fähigkeiten eines Bruce Wayne manchmal wichtiger sind als die eines Batman. Für kurze Zeit zumindest, denn schon bald widmet er sich einer Aufsehen erregenden Verbrechensserie: Ganz wie im Wilden Westen werden Züge überfallen, ihre Fracht plus einige Geiseln verschwinden auf unbekannte - und wie sich letztlich zeigen wird: sehr raffinierte - Weise ins Nirvana. Genau die richtige Herausforderung für Wax und den anarchisch-sympathischen Wayne.

    "Jäger der Macht" lebt nicht zuletzt vom witzigen Zusammenspiel der beiden männlichen Protagonisten, zu denen sich bald noch eine Frau gesellt. Marasi ist das schüchterne Mündel eines reichen Bürgers, aber belesen im doppelten Sinne: Akademisch gebildet nämlich und trotzdem auch glühender Fan der billigen Abenteuerhefte, in denen die Erlebnisse von Wax & Wayne unters Volk gebracht werden. Wie man es von der weiblichen Hauptfigur eines Phantastik-Romans dieser Tage erwarten darf, wird Marasi noch ihre Frau stehen. Es spricht aber für Sandersons vergleichsweise klischeefreie Charakterdarstellungen, dass sich Marasi bei aller Einsatzfreude doch eingesteht, dass sie bleihaltige Abenteuer lieber liest als selbst erlebt.

    Und genau das ist "Jäger der Macht" auch: ein nettes Abenteuer. Nur seine Einordnung gibt mir noch ein wenig Rätsel auf. Angeblich hat Sanderson es "so zwischendurch" geschrieben, um den Kopf freizubekommen. Andererseits spricht er davon, dass noch zwei weitere "Mistborn"-Trilogien folgen sollen, von denen eine in einem urbanen und eine in einem futuristischen Setting angesiedelt sein wird. Der angebliche Standalone-Roman "Jäger der Macht" würde ersterem bereits entsprechen und lässt zudem einige Enden offen, die eine Fortsetzung jederzeit ermöglichen würden. Mal sehen, ob Sanderson Wax & Co noch mal aufgreift. Verwundern würde es nicht: Mit einem Output von zwölf(!) Romanen seit 2005 hat sich der heute 36-Jährige aus dem Stand in die Reihen der Fleißigsten seiner Zunft katapultiert.

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