Rundschau: Menschheit am Scheideweg

    Ansichtssache21. Juli 2012, 10:19
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    SF-Highlights: Robert Charles Wilsons "Vortex" und David Brins "Existence" - dazu Werke von Lavie Tidhar, Brandon Sanderson und Michael K. Iwoleit

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    coverfoto: atlantis

    Oliver Henkel: "Die Fahrt des Leviathan"

    Broschiert, 582 Seiten, € 15,40, Atlantis 2012

    Für alle, die sich zwischen SF- und Fantasy-Blockbustern auch gerne mal einen Kostümfilm reinziehen (aber bitte eine Merchant/Ivory-Produktion!), kommt hier der richtige Stoff. Oliver Henkel, der in der Rundschau schon mit dem Alternativwelt-Szenario "Im Jahre Ragnarök" vertreten war, lässt in "Die Fahrt des Leviathan" ohnehin einen Hang zu szenischer Einführung erkennen: Wir "sehen" eine junge Frau im Wind an der Reling stehen ... und dann zack! wird eingezoomt und wir erfahren, um wen es sich handelt. Dieses Stilmittel wird über den gesamten Roman hinweg immer wieder angewandt. Es ist ein Roman, dessen Handlung sehr viel an Lebenskultur und gepflegter Konversation transportiert. Und was soll man sagen? Irgendwie trägt das eine Erzählung von solch beträchtlicher Länge viel besser, als wenn die knapp 600 engbedruckten Seiten ein einziges Action-Feuerwerk wären. Mich hat der "Leviathan" jedenfalls bärig unterhalten.

    Dieser Tage ist es ja schon richtiggehend ungewöhnlich, wenn ein Alternativweltroman im 19. Jahrhundert (genauer gesagt in den Jahren 1862/63) angesiedelt und trotzdem kein Steampunk ist. Keine lochkartengesteuerten Mechagodzillas, kein Warp-Antrieb mit Propeller, keine übernatürlichen Mächte - nix davon. Exemplarisch eine Passage, in der eine der Hauptfiguren dem US-Präsidenten vorgestellt wird. An dieser Stelle scheint ein Knalleffekt fast unvermeidlich ... aber nein, der Präsident heißt Abraham Lincoln. Und er ist nicht mal ein Vampir. Bloß eine Augenklappe trägt er nach einem beinahe geglückten Attentat. Minimale Änderungen sind es, die Henkel an der Historie vorgenommen hat - mit einer einzigen Ausnahme. Und wie der buchstäbliche Schlussstrich am Ende des Romans zeigt, verändert selbst die den globalen Geschichtsverlauf weniger, als man denken würde: Preußen hat sich einst in den Wirren der Amerikanischen Revolution South Carolina gekrallt. Das ist nun die preußische Überseeprovinz Karolina, ihre Hauptstadt heißt Friedrichsburg statt Charleston und in der Bucht vor dem Hafen liegt statt dem berühmt-berüchtigten Fort Sumter die Bastion Derfflinger. Nicht der ruhigste Platz auf Erden, mitten im Krieg zwischen Union und Konföderierten. Aber vorerst wiegt sich das neutrale Karolina noch in Sicherheit.

    Der Offizier Wilhelm Pfeyfer lebt in Friedrichsburg und ist ein echter Preuße: Pünktlich, pedantisch und pflichtbewusst - und das sind nur die P's. Und er ist das, was man heute einen Afroamerikaner nennen würde, was im Roman aber - dem damaligen Sprachgebrauch getreu - Neger heißt. Denn Preußisch-Karolina ist zwar ganz klar monokulturell, aber durch und durch multiethnisch: Europäischstämmige Bevölkerung und befreite SklavInnen mischen sich unterschiedslos mit amerikanischen UreinwohnerInnen ... da kann man schon mal einem Adalbert von Fliegender-Schwarzer-Adler begegnen. Klingt paradiesisch und ist auch einer der Gründe, warum Pfeyfer einem rosig verklärten Preußen-Bild anhängt. Anhand eines Offiziers, dem klargemacht wird, dass er als Jude keine Karrierechancen hat, zeigt Henkel aber früh, dass es im aufgeklärten Karolina sehr wohl auch Diskriminierung gibt. Im Laufe des Romans wird Pfeyfer die Sicht auf sein geliebtes Heimatland mehr und mehr überdenken müssen.

    Andere sehen die politischen Verhältnisse ohnehin kritischer: Zum Beispiel die angehende Lehrerin Amalie von Rheine, die aus dem Mutterland als unbequem abgeschoben wurde. Oder Rebekka Heinrich, Direktorin einer Schule für höhere Töchter, die sich bei ihrer Kritik am Staat kein Blatt vor den Mund nimmt und Pfeyfer naturgemäß ein Dorn im Auge ist. "Die Fahrt des Leviathan" lebt von einem sehr großen Ensemble, wobei auch den Nebenfiguren  - vom ehemaligen Sklaven bis zu hochrangigen Politikern - viel Erzählraum gewährt wird. Besonders zu erwähnen sind noch zwei: Zum einen der Unglücksrabe Alvin H. Healey, der eine kleine Handelsvertretung der Konföderation in Friedrichsburg übernimmt. Von Schwermut geplagt und unglücklich in Amalie verliebt, wird er bald im Zentrum einer gewaltigen politischen Intrige stehen (die mit dem Schlusstwist eine noch gewaltigere Dimension annimmt). Und alle Fäden des Netzes, in denen sich die ProtagonistInnen nach und nach verfangen, gehen auf einen einzigen Mann zurück, den zwielichtigen Krüger alias Kolowrath.

    Henkel arbeitet mit einem ähnlich großen Ensemble wie zuvor David Brin in "Existence" - aber auf komplett andere Weise. Hier illustrieren die ProtagonistInnen nicht das größere Geschehen, hier lenken sie es. Wenn auch nicht immer beabsichtigt. Banale persönliche Motive - der Wunsch, der Herzensfrau ein teures Armband zu schenken, die Hoffnung, der Nachwelt etwas Bleibendes zu hinterlassen, die Bitte um einen kleinen Gefallen mit Hintergedanken oder einfach nur der Wunsch nach Rache - können ungeahnte Folgen zeigen. Es ist, als wäre ein gewaltiger Baum durchgesägt worden, und der kleinste Schubs kann nun darüber bestimmen, wohin er fällt. Etwas Großes ist in Bewegung geraten, und der Leviathan des Titels - eigentlich die "Great Eastern", das größte Schiff seiner Zeit - spielt dabei fast nur eine symbolische Rolle. Es erlangt auch erst in der zweiten Romanhälfte Bedeutung, wenn sich der einzige reißerische Subplot des Romans entfaltet. Der eigentliche Leviathan ist das Geflecht aus Krieg, Politik und Geheimdienstaktivitäten, das auf ein für (fast!) alle unabsehbares Ende zusteuert.

    Bei den "Sissi"-Filmen der 50er Jahre hat man, wenn ich mich richtig erinnere, ironisch von der "Backhendl-Zeit" gesprochen: Einer so nie stattgefundenen und verklärten k. u. k.-Epoche. Henkel scheint über lange Zeit hinweg hart an der Grenze zu einem ähnlich geschönten Ambiente dahinzusurfen - allerdings geht ein Großteil davon auf Pfeyfers Konto, der Preußen durch die rosa Brille sieht. Parallel zu Pfeyfers Gesinnungswandel relativiert sich dieser Eindruck dann, bis wir schließlich der harten Realpolitik ins hässliche Gesicht glotzen. Anzumerken bleibt lediglich, dass wir uns zum allergrößten Teil in Kreisen des gehobenen Bürgertums aufhalten. Einen genaueren Blick auf das Leben in den ärmeren Schichten Karolinas erhalten wir nicht.

    Doch das trübt den positiven Gesamteindruck des Romans nur geringfügig, ebenso wie diverse Zufälle im Timing, die Henkel wieder mal ein bisschen oft bemüht. "Die Fahrt des Leviathan" bietet eine gut ausgewogene Mischung aus Spannung, Humor, Tragik und Ernüchterung und ist überdies gespickt mit überraschenden Twists und historisch passenden Cameo-Auftritten. Wobei mein liebster anachronistisch ist und unter die Kategorie Schabernack fällt: Nämlich die geschickt getarnte Aufführung eines Louis de Funès-Films auf einer Friedrichsburger Theaterbühne. Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut.

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