Rundschau: Menschheit am Scheideweg

    Ansichtssache21. Juli 2012, 10:19
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    SF-Highlights: Robert Charles Wilsons "Vortex" und David Brins "Existence" - dazu Werke von Lavie Tidhar, Brandon Sanderson und Michael K. Iwoleit

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    coverfoto: heyne

    Aleksei Bobl & Andrei Levitski: "Tekhnotma. Zeit der Dunkelheit"

    Broschiert, 476 Seiten, € 15,50, Heyne 2012 (Original: "Parol: Vechnost - Tekhnotma ", 2010)

    Nach all den Jahren des SF-Lesens fasziniert es mich immer noch, wie AutorInnen postapokalyptische Wüsteneien entwerfen, in denen am unteren Ende der Nahrungskette tote Hose herrscht, sich dafür aber übergroße Top-Predatoren gegenseitig auf die Füße steigen. Vielleicht halten ja heimlich irgendwelche Entenfütter-Omas im Godzilla-Format das Ökosystem aufrecht: Denen würde ich mal einen eigenen Roman gönnen. - Verlassen wir also die Welt der Vernunft und stürzen uns in den düsteren Strudel von "Tekhnotma". Die beiden Autoren Aleksei Bobl & Andrei Levitski haben bislang für die Romanserie gearbeitet, die das ukrainische Egoshooter-Spiel "S.T.A.L.K.E.R." von GSC Game World begleitete. Fast folgerichtig werden sich nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die LeserInnen des Romans fragen, ob sie in einem Computerspiel gelandet sind.

    Zwei Kapitel reichen den Autoren, um die Gegenwart bzw. nahe Zukunft abzuhandeln, aus der unser Held wider Willen in eine weiter entfernt liegende Zeit versetzt wird. Der Söldner Jegor Rasin wird in den Wirren eines ukrainischen Bürgerkriegs festgenommen und vor die Wahl gestellt: Entweder nimmt er an einem wissenschaftlichen Experiment teil oder er wird hingerichtet. Klarerweise entscheidet er sich für Ersteres und findet sich kurz darauf bereits in den Ruinen des Forschungsinstituts wieder. Offensichtlich sind im Zeitraffer reichlich Jahre verstrichen, denn draußen hat sich die Welt stark verändert. Allerlei gefährliche Megafauna (Mutafage genannt) und anthropomorphe Mutanten treiben ihr Unwesen im Land, dazu breitet sich mit der Nekrose eine Art tödlicher Super-Schimmel aus, der mit Ausnahme von Eisen sämtliche lebende und tote Materie überzieht. Last but not least wären da noch riesenhafte Fluginseln, die gelegentlich über den Himmel ziehen. Alles in allem eine ganze Menge Fragen, die es zu klären gilt, von denen am Ende aber noch viele offen bleiben werden. "Zeit der Dunkelheit" ist der erste Roman einer Serie, die Fortsetzung erscheint im März nächsten Jahres.

    Von den alten politischen Strukturen ist nichts geblieben. In der neuen Mad-Max-Welt haben sich die wenigen übrig gebliebenen Menschen in verstreut lebenden Clans organisiert, die sich entweder rings um Erdölquellen angesiedelt oder auf die Produktion begehrter Waren (bzw. Waffen) spezialisiert haben. Wie der Mecha-Korpus, dessen Kolonie langsam von der Nekrose eingeschlossen wird. Als letzte verzweifelte Maßnahme hat der Machthaber des Mecha-Korpus seine Tochter June Galo hinaus in die Welt geschickt, um Hilfe zu holen. In der Stunde höchster Not trifft sie auf Jegor, der sich widerwillig bereit erklärt, sie nach Moskau zu begleiten, wo sie sich Hilfe und er sich Aufklärung darüber verspricht, was zum Teufel eigentlich mit der Welt passiert ist. Ein Glück, dass June im richtigen Moment der Ärmel verrutscht ist und ein Tattoo enthüllt hat, welches dasselbe Muster zeigt wie der Siegelring des Wissenschafters, der Jegor einst auf seine Zeitreise geschickt hat. Man stelle sich vor, das Textil hätte gehalten - dann wäre der Pakt zwischen den beiden nie zustande gekommen ...

    Mehr als einmal fragt Jegor sich, ob er sich im Inneren eines Computerspiels befindet und die Nekrose womöglich ein Virus ist, das diese virtuelle Welt langsam auffrisst. Eine zeitgenössische Interpretation, aber rein literarisch kann man "Tekhnotma" auch in einen viel älteren Kontext stellen: Letztlich ist der Roman purer Pulp in der Tradition von Edgar Rice Burroughs bis Kenneth Bulmer. Mittels Voodoo-Technologie wird ein Held in ein gefährliches Setting versetzt, wo Monster, schießwütige Feinde und sonstige Gefahren lauern - und seine erste Tat in der neuen Welt ist es, eine Prinzessin (bzw. die postapokalyptische Entsprechung einer solchen) zu retten. Er wird mit geheimnisvollen Mächten wie dem Mönchsorden und knalligen Begrifflichkeiten - es gibt sogar ein Schloss Omega! - konfrontiert und bewährt sich dank überdurchschnittlicher geistiger und körperlicher Fähigkeiten.

    Hier zeigt sich aber auch ein Unterschied zu den Pulp-Vorgängern: Anders als Burroughs' John Carter oder Bulmers Dray Prescot (oder Philip José Farmers Richard Francis Burton, wenn wir schon beim Thema sind), lässt Jegor seine Überlegenheit nicht penetrant raushängen, sondern grummelt sich eher widerwillig durch seine Abenteuer. Der tief in ihm verwurzelte Widerspruchsgeist macht Jegor durchaus sympathisch.

    Vielleicht mag sich der eine oder die andere auch deshalb an ein Computerspiel erinnert fühlen, weil die RomanprotagonistInnen von einer Gefahrenkulisse zur nächsten wechseln - ganz so, als bewegten sie sich von einer Spielebene zur anderen (siehe etwa eine für die Gesamthandlung entbehrliche Odyssee durch die Moskauer U-Bahn-Tunnel). Aber da unterscheiden sich Bobl & Levitski genau genommen nicht von anderen zeitgenössischen AutorInnen, die keinen Spiele-Hintergrund haben. Denn auch z.B. bei Cherie Priest ("Boneshaker") oder Gavin Smith ("Der Veteran") wird gelaufen und geschossen und gelaufen und geschossen; und letztlich herrscht rasender Stillstand. Zumindest wer Action um der Action willen liebt, ist bei "Tekhnotma" recht gut bedient. Ein neuer Sergej Lukianenko wird allerdings immer noch gesucht.

    Apropos Stillstand: Nach einem gewissen Durchhänger zwischen Frühling und Sommer drängen jetzt wieder mehr interessante Titel auf den Markt. Beim nächsten Mal stehen unter anderem der neue Geschichtenband von James Tiptree Jr. und ein Ticket für zwei nach Cyberabad auf dem Programm; China Miévilles "Stadt der Fremden" könnte sich mit etwas Timing-Glück auch noch ausgehen. Außerdem werden wir uns entweder im August oder spätestens im September dem gefährlichsten Buch des Jahres 2012 widmen ... (Josefson, derStandard.at, 21. 7. 2012)

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