Wirtschaftsprofessor Krämer: "Die Griechen lügen wie gedruckt"

Interview5. Juli 2012, 17:37
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In einem offenen Brief wandten sich über 200 Ökonomen an die Bevölkerung, Mitinitiator Walter Krämer findet klare Worte: Die Deutschen lassen sich erpressen, marode Banken gehören in die Pleite

Walter Krämers Schmerzgrenze ist erreicht. Die Ergebnisse des Eurogipfels ärgern den Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik dermaßen, dass er gemeinsam mit ifo-Chef Hans-Werner Sinn den Entschluss zu einem öffentlichen Appell fasste: Die Bevölkerung müsse wissen, was man ihr aufbürdet. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, wer letztlich die Rechnung zahlen muss, und setzt sich dafür ein, marode Banken nicht auf EU-Kosten künstlich am Leben zu erhalten und schnellstens einen Schlussstrich unter Griechenland zu ziehen.

derStandard.at: Sie haben gemeinsam mit ifo-Chef Hans-Werner Sinn einen öffentlichen Brief an die "lieben Mitbürger" gerichtet. Darin laufen Sie Sturm gegen die jüngsten Gipfelbeschlüsse. Rund 200 deutschsprachige Ökonomen haben bereits unterschrieben. Was ärgert Sie am meisten?

Krämer: "Sturm laufen" klingt zu martialisch. Fakt ist, dass die EU nicht nur für die Mitgliedsstaaten, sondern auch für die Banken der Mitgliedsstaaten haftet, wodurch es für eine marode Bank viel schwieriger wird, pleitezugehen. Mit anderen Worten: Wenn marode Banken auf Kosten der restlichen EU-Staaten am Leben erhalten werden, ist das eine enorme Verschwendung der Ressourcen und ein großer Schritt in die falsche Richtung.

derStandard.at: Böse Folgen sind vorprogrammiert?

Krämer: Man kann sich auf nichts verlassen, was auf dem Papier steht. Eine europäische Bankenaufsicht ist an und für sich eine gute Sache. Doch die letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass EU-Regulierungen immer wieder über den Haufen geworfen, aufgeweicht und gelockert wurden. Dasselbe wird mit den Haftungen für marode Banken passieren, und die Bürger in Deutschland, Österreich und in den Niederlanden werden letztendlich den Großbanken in Spanien, Italien und Griechenland ihre Ersparnisse überweisen.

derStandard.at: Soll Griechenland aus dem Euro?

Krämer: Griechenland überhaupt hereinzunehmen war der erste Fehler. Das Land vor zwei, drei Jahren nicht aus dem Euro hinauszukomplementieren war der nächste. Es ist schon klar, dass das schwierig gewesen wäre und nicht so ohne weiteres durchführbar ist, aber ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende, den wir jetzt garantiert die nächsten Jahre erleben werden. Es wird jeden Monat neue Horrormeldungen geben, so lange, bis die Bürger nicht mehr hinhören.

derStandard.at: Sprechen Sie Athen den eigenen Rettungswillen ab?

Krämer: Bestimmte südeuropäische Länder haben gar nicht die Absicht, ihre Versprechen einzuhalten. Griechenland mit seinem riesig aufgeblähten Staatsapparat hat beispielsweise seit der Regierungsbildung 1.000 neue Beamte eingestellt, anstatt Stellen wie versprochen einzusparen. Ich jedenfalls glaube den Griechen kein einziges Wort mehr.

derStandard.at: Stellen Sie sich in diesem Zusammenhang auf die Seite von IWF-Chefin Christine Lagarde, die eine Lockerung des Griechenland-Pakets ablehnt?

Krämer: Natürlich. Mit der Aussage hat sie einmal ausnahmsweise das Richtige gesagt. Ansonsten hat sie als Französin natürlich die Interessen Frankreichs im Hinterkopf.

derStandard.at: Griechenland hat sich verpflichtet, seinen Schuldenstand bis 2020 auf einen Stand von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung zu bringen. Erlaubt sind eigentlich nur 60 Prozent.

Krämer: Die Griechen wissen genau, dass sie mit dieser Vereinbarung lügen wie gedruckt, und hoffen, dass der Rest Europas ihnen glaubt. Daher auch unser Aufruf: Wir wollen den Leuten zeigen, dass solche und andere Versprechen nicht einhaltbar sind. Gleichzeitig wollen wir die Menschen darauf vorbereiten, sich auf schlimme Zeiten einzustellen. Angela Merkel ist nicht dumm und weiß schon, was sie tut. Doch die Bürger, die Wählerinnen und Wähler haben keine Ahnung, welche Risiken sie eigentlich übertragen bekommen.

derStandard.at: Der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer hat jüngst mit dem Bruch der Koalition gedroht, wenn noch mehr Geld an EU-Krisenstaaten fließt. Wieder einmal. Reiner Populismus?

Krämer: Es wird endlich Zeit zu sagen, dass die Deutschen nicht unendlich leidensfähig sind. Die Deutschen waren immer wieder Opfer von Erpressungen, wie der letzte Gipfel in Brüssel einmal mehr gezeigt hat. Warum sollen sie also nicht auch einmal eine Grenze, einen Schlussstrich ziehen? Insofern schätze ich Herrn Seehofers Äußerung als eine lange überfällige Haltung. Im Übrigen bin ich etwas verwundert, dass die Österreicher so ruhig bleiben und nicht aufbegehren.

derStandard.at: Wo liegt diese Grenze, der Schlussstrich?

Krämer: Für mich persönlich ist die Schmerzgrenze schon lange überschritten. Doch es gibt wohl noch Bundesbürger, die meinen, auf dem Altar der europäischen Einheit weitere Opfer bringen zu müssen oder zu dürfen. Das soll jeder für sich entscheiden.

derStandard.at: Wie geht es weiter mit den Schuldenländern?

Krämer: Ich denke, es wird noch zwei bis drei Jahre weitergewurschtelt wie bislang. Und dann wird es teuer. Viel teurer, als wenn wir den Schlussstrich früher gezogen hätten: Griechenland als Land wird zahlungsunfähig sein. Jeder, der griechische Staatsanleihen besitzt, wird eine Menge Geld verlieren. Dazu würde übrigens auch ich gehören. Ich bin gerne bereit, dieses Geld herzugeben, wenn dadurch endliche reale Verhältnisse geschaffen werden. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 6.7.2012)

Walter Krämer (63) studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften in Mainz und habilitierte sich in Ökonometrie an der Technischen Universität Wien, wo er heute auch als Privatdozent tätig ist. Mehrere Jahre arbeitete er am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Seit 1988 ist er Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund.

Weitere Informationen

Der offene Brief der Ökonomen im Wortlaut

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    Walter Krämer: "Bestimmte südeuropäische Länder haben gar nicht die Absicht, ihre Versprechen einzuhalten."

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    Die Griechen lügen wie gedruckt, scheinheilig versprechen sie zu sparen. (Bild: Athener Straßenbild mit Graffiti)

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