Die halbstarken Spielplatz-Erwachsenen

Leserkommentar10. Juli 2012, 13:55
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Ist ein friedliches Zusammenleben im öffentlichen Raum möglich?

Es sieht so aus, als ob aufgrund der unsicheren Arbeitsmarkt-Situation eine neue Gruppe von Park-Nutzern herangewachsen ist: die halbstarken "Spielplatz-Erwachsenen". Sie haben die Schule bereits vor Jahren abgeschlossen, den Einstieg ins Berufsleben nicht geschafft und ziehen es lieber vor, am Spielplatz, im Fußballkäfig oder auf einer Parkbank "abzuhängen", statt Zeit in ihre berufliche Karriere zu investieren.

Durch den kollektiv erlebten sozialen Aufstieg der 60er und 70er Jahre haben sich offensichtlich viele Österreicher aus dem öffentlichen Raum, aus den Höfen der Gemeindebauten und den öffentlichen Parks zurückgezogen. Die Eltern kaufen dem Nachwuchs oft lieber Karten für den Indoor-Spielplatz und organisieren die Freizeitgestaltung bis ins kleinste Detail.

Im Hof und Park zurückgeblieben sind Zuwanderer-Familien und sozial nicht mobile österreichische Arbeiterkinder. Genau diese sind am anfälligsten für FPÖ-Sprüche. Selbst nicht die Gewinner, erleben sie die Zuwanderer-Kinder und Jugendlichen als "Herrscher über den Hof", als "Käfig-Besetzer" und als Verdränger im öffentlichen Raum. Im Park regieren die Hauptschulen und Spielplatz-Erwachsenen, und da überwiegend diejenigen erster und zweiter österreichischer Generation.

Generationenkonflikt

Die andere Seite der Medaille ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene zunehmend eine organisierte Zurückdrängung erleben. Ältere Menschen fühlen sich oftmals subjektiv von offensiv auftretenden Jugendlichen im öffentlichen Raum bedroht. Sie selbst haben in ihrer Kindheit den öffentlichen Raum als "Verbotszone" erlebt, fühlen sich jetzt irritiert von "besitzergreifenden" Jugendgruppen und wünschen sich oftmals die gleiche Repression und Unterdrückung heutiger Jugendlicher, wie sie es eben in der Kindheit selbst erlebt haben.

Wie weit darf/soll man gehen?

Ganz nach dem Motto: Wenn ich das nicht durfte, soll es heute auch niemand dürfen. Wenn früher der Rasen nicht betreten werden durfte, sollen sich heute auch keine Kinder und Jugendlichen am Rasen erfreuen. Wenn früher fremde Kinder und Jugendliche von unbekannten Erwachsenen straffrei "zurechtgewiesen" werden konnten, so sollen sie das heute ebenfalls dürfen.

Ist aber nicht so, und deshalb wird der öffentliche Raum zunehmend eingeschränkt, Bänke abmontiert und Verbotsschilder aufgestellt.

Das führt zu einem Abbau des sozialen Zusammenlebens aller Bewohner und Bewohnerinnen, erhöhtem Anstieg des sozialen Druckes auf schutzbedürftige Kinder und der inhaltlichen Bestätigung von "Verbots-Fanatikern". Leidtragende sind alle Menschen, die den öffentlichen Raum nutzen wollen.

Lösungsmodelle für friedliches Zusammenleben

Welche Lösungsmodelle gibt es? Die halbstarken Spielplatz-Erwachsenen müssen Arbeit und Bildung als sozialen Aufstieg erleben, werden dadurch motiviert und übernehmen Verantwortung. Früher konnte sich in einer Maler-und-Anstreicher-Familie der Sohn sicher sein, mehr als sein Vater zu verdienen - bei gleichem Ausbildungsstand.

Heute sind sich Jung-Akademiker nicht mehr sicher, mehr als ihr Arbeitervater verdienen zu können. Gleichzeitig muss Bewusstsein für sozialen Aufstieg und eine positive Stimmung geschaffen werden.

Die "No, we can't!"-Einstellung muss in eine "Yes, we can!"-Atmosphäre umgewandelt werden. Dafür braucht es aber mehr als Hoffnung: Wir brauchen eine offensive Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und ein klares staatliches Bekenntnis zum Zusammenleben. (Willibald Heimlich, Leserkommentar, derStandard.at, 10.7.2012)

Willibald Heimlich ist Autor und Politikwissenschaftler.

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