Teure Tricks mit zentralem Zins

3. Juli 2012, 18:09
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Was haben Banken davon, Referenzzinsen wie den Euribor oder den Libor zu manipulieren?

Was haben Banken davon, Referenzzinsen wie den Euribor oder den Libor zu manipulieren? Sind davon auch kleine Sparer betroffen? Und welche Produkte hängen an diesen Zinssätzen?

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Frage: Wie wird der Libor ermittelt?

Antwort: Die London Interbank Offered Rate (Libor) wird durch den britischen Bankenverband BBA ermittelt. Die BBA befragt die Treasurer von Großbanken, also die Säckelmeister, die über die Geldausstattung der Banken Bescheid wissen, zu welchen Zinsen sie für Zeiträume von einem Tag bis zu einem Jahr Kredit bekommen. Von den zwischen sechs und 18 übermittelnden Banken werden die obersten und untersten Werte verworfen und aus den mittleren wird der Durchschnitt gebildet. Die Ermittlung des Euribor, für den europäischen Geldmarkt, erfolgt ganz ähnlich.

Frage: Warum sollte eine Bank diese Zinsen manipulieren?

Antwort: Das kann mehrere Gründe haben. Erstens könnte eine Bank die Handelsgewinne mit ihren Zinsderivaten steigern wollen. Das geschah bei Barclays zwischen 2004 und 2007 dokumentiert mehr als 250-mal. Händler, die Wertpapiere in ihren Büchern hatten, die vom Libor-Satz abhängen, kontaktierten die Geldmarkt-Experten bei Barclays, um den Libor höher oder niedriger darzustellen, je nachdem wie es ihrer Position half. In der Finanzkrise, besonders vor dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, wurde der Libor von mehreren Banken nach unten gedrückt. Die Institute signalisierten damit dem Finanzmarkt, dass sie sich billig refinanzieren konnten und nicht in Schwierigkeiten waren.

Frage: Hat die Manipulation dieses Zinses denn weiter reichende Konsequenzen?

Antwort: Libor, Euribor und die übrigen Geldmarktsätze sind Referenzzinsen. Tausende Milliarden Euro an Wertpapieren werden mit ihrer Hilfe bewertet. Auch Kredite mit variablen Zinsen sind oft an Interbankzinsen geknüpft. In Österreich wurden 2011 etwa 1,2 Milliarden Euro an Wohnbaukrediten vergeben, 900 Millionen Euro waren mit einem variablen Zinssatz ausgestattet, weitere 280 Millionen werden nach fünf Jahren an einen Referenzzins wie den Euribor angepasst. Manipulationen am Libor haben daher weiterreichende Konsequenzen. Direkt sind die Folgen bei Zinsderivaten, also Kontrakten, die meist zwischen Banken abgeschlossen werden. Bei Zins-Swaps etwa tauschen die Vertragsparteien fixe gegen variable Zinsen. Die US-Finanzaufsicht CFTC schätzt, dass insgesamt Kontrakte mit einem Wert von 800 Billionen Dollar, also mehr als 635.000 Milliarden Euro vom Libor abhängen.

Frage: War Barclays ein Einzeltäter?

Antwort: Nein. Behörden auf der ganzen Welt, von Japan bis Kanada, untersuchen seit längerem ihre Interbankenmärkte. Es kann Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis das Ausmaß der Manipulation sichtbar ist. Analysten gehen davon aus, dass rund zehn Milliarden Dollar an Strafe gezahlt werden könnten. Zumindest gegen 16 weitere Geldinstitute wird ermittelt, darunter die Schweizer UBS oder die Deutsche Bank.

Frage: Warum musste Barclays mehr als 363 Millionen Euro zahlen?

Antwort: Die britische Großbank hat zugegeben, über mehrere Jahre den Libor manipuliert zu haben. In den Jahren 2007 bis 2009 habe Barclays auf Weisung des Managements absichtlich niedrige Libor-Meldungen abgegeben, um eine bessere Außenwirkung für die Bank zu erzielen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 4.7.2012)

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