Obsorgestreit: Geschlechterkampf statt Kindeswohl?

Leserkommentar29. Juni 2012, 09:34
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Was in der Obsorge-Debatte wieder nicht berücksichtigt wird, ist das eigentlich Wesentliche: Das Kindeswohl

Die Diskussion um die Obsorge spitzt sich nach und nach zu. Besorgniserregend ist dabei die Beobachtung, dass sie zum Geschlechterkampf auszuarten scheint: auf der einen Seite aggressive Väterrechtler, die sich unterdrückt fühlen und Gleichberechtigung fordern, auf der anderen Seite Vertreterinnen der Frauenorganisationen und -institutionen, die sich an Louise Chermin zu halten scheinen, die kürzlich gesagt haben soll: "Männer sind unsere Feinde."

Was dabei aber - zumindest in der öffentlichen Debatte - kaum vorkommt, ist die Interessenvertretung jener, um die es eigentlich geht: die Kinder.

Internationale Studien geben auf die Frage, wie Kinder am besten aus einer - normalerweise mit großem emotionalen Stress verbundenen - Trennungssituation herauskommen, einhellige Antwort: Indem der Kontakt zu beiden Eltern möglichst intensiv, als echten Bezugspersonen, aufrecht bleibt.

Damit scheint doch alles ganz einfach: Man nehme die Studienergebnisse, blicke über die Grenzen, wo es denn Best-Practice-Modelle geben könnte, und versuche dann mit allen Beteiligten, die in der Lage sind, das Kindeswohl im Blick zu halten, eine Lösung zu finden.

Gehört die Frau doch hinter den Herd?

Doch wenn man der Frauenministerin zuhört, bekommt man den Eindruck, dass biologisch begründete Fähigkeiten eine klare Richtung vorgeben. Wie sonst kommt sie zu der Aussage, dass sich Väter erst bewähren müssen, bevor sie eine Chance auf die gemeinsame Obsorge haben? Diese Haltung lässt nur eine Frage zu: "Ja, und was ist mit den Müttern?" Sind diese per se die besseren Eltern, die sich deshalb auch nicht bewähren müssen? Ich vermisse den Aufschrei der Feministinnen!

Oder ist es so, dass Feministinnen nun erkannt zu haben glauben, dass es doch biologische Unterschiede gibt, die Frauen prädestinieren, für die Kindererziehung (alleine) verantwortlich zu sein? Sind die Forderungen nach Vätern, die sich an der Kindererziehung beteiligen, Schnee von gestern? Oder gelten die nur für die Dauer einer aufrechten Partnerschaft zwischen den Kindeseltern?

Einseitige Rechtsprechung

Etwas zynisch kann dann nur die Aussage der Frauenministerin, Väter sollen doch die Obsorge beantragen, verstanden werden. Die Rechtsprechung, was die Obsorge betrifft, ist jetzt noch sehr mütterlastig. Und zwar in einem Ausmaß, dass eine Gleichbehandlung beider Elternteile vor Gericht sehr in Frage gestellt ist. An dieser Stelle besteht dringender Handlungsbedarf, und Diskussionsbeiträge, die bei allen Obsorgeverfahren die Involvierung von Fachpersonal fordern, scheinen mehr als nur berechtigt.

Wer ist zuständig?

Politisch scheint noch etwas verwunderlich: Warum diskutiert die Justizministerin die Obsorgeangelegenheiten ausgerechnet mit der Frauenministerin? Steckt nicht schon in dieser Tatsache ein gewisser Sexismus? Ist es nicht der Familienminister, der für diese Frage zuständig sein sollte, der im Interesse der Kinder an der Verhandlungstisch gehören würde? Die Klientelpolitik der Frauenministerin kann nicht im Interesse der Kinder sein! (Leserkommentar, Martin A. Fellacher, derStandard.at, 29.6.2012)

Martin A. Fellacher, Jahrgang 1976, ist Diplomsozialarbeiter, unter anderem tätig in der Männerberatung, selbst ehemaliger Karenzvater, teilzeitarbeitender Betreuuer der eigenen Kinder und nun Trennungsvater von zwei Kindern (neun und zwölf Jahre).

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