Queen trifft einstigen Chefterroristen

26. Juni 2012, 17:46
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Elizabeth II soll heute in Nordirland dem früheren IRA-Kommandanten McGuiness die Hand geben

Heftiger Regen verzögerte am Dienstagmorgen die Ankunft von Königin Elizabeth II in der nordirischen Grenzstadt Enniskillen. Hunderte von treuen Untertanen standen unter Schirmen am Straßenrand, während die Honoratioren in der anglikanischen McCartans-Kathedrale auf den verspäteten Dankgottesdienst warteten.

Enniskillen steht als Garnisons- und Kolonistenstadt stellvertretend für die gewaltsame Besiedlung Nordirlands durch protestantische Wehrbauern und Soldaten zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Stadt war indessen auch Schauplatz eines der unvergessenen Anschläge der Irisch-Republikanischen Armee (IRA): Am 11. November 1987, während die protestantischen Bürger der Stadt ihrer Gefallenen gedachten, zündete die IRA eine Bombe. Elf Zivilisten starben.

Die Königin hat Nordirland über die Jahre regelmäßig besucht. Diesmal indessen reiht sich die Visite - offiziell im Rahmen des diamantenen Thronjubiläums - in die bedächtige, sorgfältig geplante Choreografie des Friedensprozesses ein. Am heutigen Mittwoch nämlich wird der stellvertretende Chefminister Nordirlands, Martin McGuinness, die Hand der Queen schütteln. Da sie nominell auch die Oberkommandierende der britischen Streitkräfte ist, stellt dies auf beiden Seiten einen Akt der Selbstüberwindung dar. McGuinness sagte im Vorfeld, damit schüttle er symbolisch auch die Hände seiner unionistischen (also protestantischen) Mitbürger. Der Politiker war nach allgemeiner Ansicht 1987 der Kommandant der IRA gewesen. Er saß ebenfalls in den Führungsgremien, als die IRA 1979 Louis Mountbatten, den letzten Vizekönig von Indien und Onkel von Prinz Philip, vor der irischen Küste ermordete.

Scharte auswetzen

Für die Sinn-Féin-Partei, die aus der IRA hervorging, bietet der königliche Besuch die Chance, eine Scharte auszuwetzen. Die Partei hatte den historisch bedeutsamen Besuch der Queen in der Republik vor einem Jahr völlig falsch eingeschätzt; ihr Boykott stieß auf großes Unverständnis. Nun wird sie das damals Versäumte nachholen. Die unbelehrbaren Reste der IRA haben McGuinness erwartungsgemäß bereits als Verräter beschimpft: Verflossene Generationen von IRA-Rebellen seien bestimmt nicht für diesen Handschlag gestorben.

Die Kulisse für die symbolträchtige Begegnung wurde sorgfältig zusammengestellt: Gastgeberin ist eine wohltätige Organisation, die sich für die Zusammenarbeit zwischen den beiden Teilen der Insel einsetzt, Schauplatz ist ein Theater in Belfast. Der Präsident der Republik Irland, Michael D. Higgins, wird ebenfalls präsent sein.
(Martin Alioth/DER STANDARD Printausgabe, 27.6.2012)

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    Nicht alle sind mit der Versöhnungsgeste der Queen einverstanden.

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