Kirchenreform: Seit einem Jahr wird zum "Ungehorsam" aufgerufen

24. Juni 2012, 18:06
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Pfarrerinitiative hat bereits 3.100 offizielle Mitglieder - Aufgabe des Begriffs "Ungehorsam" nicht in Sicht

Wien - Seit einem Jahr rufen mit ihrer Arbeitssituation unzufriedene und reformwillige Pfarrer in Österreich zum "Ungehorsam" auf. Seitdem hat sich zwar an den römisch-katholischen Prinzipien wie befohlener Enthaltsamkeit oder patriarchalischen Strukturen nichts geändert, trotzdem schafften es der Probstdorfer Pfarrer Helmut Schüller und seine Mitstreiter, eine weltweite Diskussion anzukurbeln. Mittlerweile zählt die Pfarrerinitiative mehr als 3.100 Mitglieder.

"Die römische Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform und die Untätigkeit der Bischöfe erlauben uns nicht nur, sondern sie zwingen uns, dem Gewissen zu folgen und selbstständig tätig zu werden", wird der "Aufruf zum Ungehorsam", der Ende Juni 2011 auf der Homepage der Pfarrerinitiative auftauchte, eingeleitet. In biblischen sieben Punkten zählen die Pfarrer auf, welche Konventionen sie zu brechen gedenken - um damit ihren beruflichen Alltag erträglicher zu machen und eventuell Priestermangel und Kirchenfrust entgegenzuwirken.

"Ungehorsam" blieb aufrecht

Anfangs glaubte man in der Amtskirche noch, die Rebellen schnell in den Griff zu bekommen. Kardinal Christoph Schönborn lud seinen ehemaligen Generalvikar Schüller zum Gespräch ein - um dabei Konsequenzen anzudrohen. Der "Ungehorsam" blieb jedoch aufrecht, weitere (amts)kirchenkritische Organisationen wie die "Laieninitiative" und "Wir sind Kirche" zeigten sich solidarisch. Und auch international machten die Pfarrer von sich reden: Schüller vernetzte sich emsig mit ähnlichen Initiativen etwa in Irland, Frankreich, der Slowakei und Deutschland.

Enormes Medieninteresse

Deutschland sollte es auch sein, wo Schüller fast ein Jahr nach seinem Aufruf blitzartig Bekanntheit erlangte. Unter dem Titel "Abfall vom Glauben" widmete das Nachrichtenmagazin "Spiegel" Anfang Mai dem "Priesterrebell aus Österreich" eine Seite. Anlass war der von "gehorsamen" Laien organisierte Katholikentag in Mannheim, wo Schüller laut dem Bericht auftreten sollte. Der Veranstalter, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), dementierte, tatsächlich erfolgte der Auftritt bei einem parallelen Alternativprogramm. Das Medieninteresse war enorm.

Auch der Vatikan konnte die an Bekanntheit zulegende Pfarrerinitiative nicht länger offiziell ignorieren. In seiner Predigt bei der Chrisammesse am Gründonnerstag formulierte Papst Benedikt XVI. seine Kritik überraschenderweise sehr vorsichtig und stellte lediglich Fragen an die "Ungehorsamen". Kurz darauf legte Schönborn in der italienischen Tageszeitung "La Stampa" allerdings nach und stellte offen wie selten Disziplinarmaßnahmen in den Raum.

Bis heute sind die Pfarrer um Schüller bei ihrem Aufruf geblieben - wohl gerade deswegen, da sich die Kirchenleitung insbesondere am Begriff "Ungehorsam" stößt. Aufgeben will man diesen offensichtlich so schnell nicht. Erst vor kurzem betonte Schüller in einem E-Mail an seine Mitstreiter: "Ich überlasse es der Phantasie eines jeden von Euch, was tatsächlich geschehen würde, wenn wir unser so hochproblematisches Wort 'Ungehorsam' in unserem Aufruf streichen würden." (APA, 24.6.2012)

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    Schüller wurde international bekannt.

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