Elektromobilität in Wien: "Das Auto ist kein Sexsymbol mehr"

22. Juni 2012, 18:34
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"Mobilität nützen - statt Autos besitzen" ist das Thema Wiens als Klimafonds-Modellregion. Michael Lichtenegger will als Geschäftsführer der neuen e-Mobilitätsgesellschaft neue Angebote beim Carsharing und eine Mobilitätskarte entwickeln.

Wien - "Die Wienerinnen und Wiener haben es in den letzten 20 Jahren ohnehin gelernt, sich nicht so abhängig vom Auto zu halten - sondern zu wählen und das Gefühl dafür zu haben, welche Fortbewegungsart gerade am besten passt", ist Michael Lichtenegger überzeugt. Der Geschäftsführer der neuen Gesellschaft für e-Mobilität der Wiener Stadtwerke erwartet im Standard-Gespräch, dass sich dieser Trend in nächster Zeit noch weiter verstärken wird: "Wenn die Spritpreise steigen und das Bedürfnis dazukommt, man will möglichst umweltverträglich unterwegs sein, dann sind das ganz wichtige Argumente, die für eine Beschleunigung dieses Trends sprechen."

In manchen Ländern komme inzwischen auch schon das Gesundheitsthema dazu: gelegentlich mit dem Rad zu fahren, mehr zu Fuß zu gehen. Und dazu kommt noch ein weiteres Element dieser Veränderung im Mobilitätsverhalten: "Das Auto ist für die meisten kein Status- und kein Sexsymbol mehr. Für die Jungen ist das Auto nur noch ein Fortbewegungsmittel. Wenn überhaupt."

Kein generelles Umrüsten auf Elektroautos

All dies ist die Grundlage dafür, dass Wien als jüngste Klimafonds-Modellregion nicht auf das generelle Umrüsten auf Elektroautos setzt - wie etwa in der Vorarlberger Modellregion "Vlotte" im Rheintal. In Wien wird dies nur dort unterstützt, wo es Autofahrten gibt, "die nie etwas anderes sein werden", erläutert Lichtenegger. Da hat beispielsweise ein Wartungsbetrieb einer Wohnbaugenossenschaft auf e-Mobile umgerüstet: Die sind mit einer ganzen Werkstatt im Lieferwagen unterwegs - und wissen genau, welche Tour sie am nächsten Tag machen. Perfekte Voraussetzungen für Elektroautos.

Insgesamt sind es aber nur 174 e-Mobile, die die Partner in der Modellregion anschaffen wollen: Wie etwa Wien Energie, Wiener Linien, aber auch A1 und Spar. Wichtigste Investition für die Wiener Linien werden in diesem Zusammenhang die Elektrobusse sein, die ab Herbst für die City-Linien geliefert werden.

Dazu kommen 440 Ladestationen, die errichtet werden sollen. Vor allem bei den Stützpunkten bei den Partnerbetrieben - aber auch als Netzwerk im öffentlichen Raum oder auf öffentlich zugänglichen Privatgrundstücken. Etwa in den Wipark-Garagen, einem weiteren Partner in der Modellregion. "Die Laterndl-Garage wird es aber nicht sein", betont Lichtenegger. Da gebe es zu viele Sicherheitsprobleme.

50 Prozent Elektromobilität

Die große Überschrift der Projekte in der Wiener Modellregion lautet aber "Mobility on demand". Eben: Mobilität nützen - statt Auto besitzen. " Wenn man die Fahrtweiten aller motorisiert zurückgelegten Wege zusammenzählt, ist in Wien schon fast die Hälfte elektrisch - mit Straßenbahn und U-Bahn", betont Lichtenegger. Zuvor, seit 2004, war er übrigens betrieblicher Geschäftsführer der Wiener Linien - unter seiner Führung konnte das Unternehmen die jährlichen Fahrgastzahlen von 740 auf 840 Millionen im Jahr 2011 steigern.

Daher ist nun sein Ziel, ergänzende Angebote zu schaffen - möglichst ohne den Öffis damit Kunden abspenstig zu machen.

Wie etwa der auch von der Stadt direkt forcierte Ausbau von Carsharing-Angeboten. Eine weitere wichtige Schiene ist für Lichtenegger der vereinfachte Zugang zu den unterschiedlichsten Angeboten: Etwa die Entwicklung einer Mobilitätskarte, die gleichzeitig Öffi-Karte, Garagen-Karte, e-Tank-Karte oder Carsharing-Karte sein kann. Eine Karte, die gleichzeitig als Zugangssystem, Schlüsselsystem und Abrechnungssystem genützt werden kann.

Einheitliche Info-Systeme

Ergänzend dazu sollen auch einheitliche Info-Systeme entwickelt werden. " Etwa ein App, das mir gleichzeitig zeigen kann, wo ist die nächste U-Bahn und wo ist der nächste Carsharing-Standplatz", erläutert Lichtenegger. "Teilweise gibt es ja schon solche Angebote, die in diese Richtung gehen. Diese Angebote wollen wir einfach verbinden."

Diese neuen Dienstleistungen sind für Lichtenegger das Herausforderndste - weniger die ungewisse Zukunft der Fahrzeugtechnik. Was, wenn doch nicht dem Batterieauto die Zukunft gehört, sondern dem Wasserstoffauto? " Dann wird es sich halt durchsetzen", ist seine einfache Antwort.

Dass es aber in Richtung Elektromobilität gehen wird, davon ist Lichtenegger überzeugt. "Entweder als reines Batteriesystem oder in irgendeiner Form als Mischsystem. Aber vielleicht werden Mobile der Zukunft nie wieder diese Eigenschaft der heutigen Autos mit Verbrennungsmotoren haben: damit sie grenzenlos und spontan nutzbar sind." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 22.6.2012)

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    "Für die Jungen ist das Auto nur noch ein Fortbewegungsmittel. Wenn überhaupt", sagt Michael Lichtenegger, Geschäftsführer der neuen e-Mobilitätsgesellschaft.

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