Intrigenstadel um Wiener Arbeitsmarktservice

19. Juni 2012, 18:17
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Macht und 350 Millionen: Die erstgereihte Kandidatin für den Chefsessel im Wiener AMS ist mit einer Welle von Anzeigen und Drohungen konfrontiert

Die E-Mail, die am Freitag der Vorwoche an Sozialminister Rudolf Hundstorfer erging, ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: "Ich habe den Eindruck, dass hier (...) die nächste Inszenierung gegen mich stattfindet, um mich durch neuerliche Erstattung einer Strafanzeige als Landesgeschäftsführerin zu verhindern." Geschrieben hat sie Ingeborg Friehs, noch stellvertretende Landesgeschäftsführerin des Arbeitsmarktservice (AMS) Wien.

Ihre E-Mail hat Friehs nicht nur an Hundstorfer, sondern an das Landesdirektorium und den AMS-Verwaltungsrat geschickt, und sie beschreibt darin, dass zwei Vertreter einer privaten Personaltrainingsfirma vor kurzem in der Förderabteilung des AMS-Wien aufgetaucht seien. Die beiden beschwerten sich über eine Vergabeentscheidung und beschuldigten Friehs, sie schränke die Vergabekriterien für Aufträge willkürlich ein. Einer meinte wörtlich: " Ich will den Kopf der Friehs haben", zitiert sie den Mann in ihrer E-Mail. Weiters habe er gesagt, dies mache er am besten über eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft: "Wenn gegen sie ein Strafverfahren läuft, hat sie im Bestellverfahren um die Landesgeschäftsführung entsprechende Scherereien."

Kein Zufall

AMS-intern hält man Zeitpunkt und Tonalität der Drohung für keinen Zufall. Friehs hatte sich für den Posten der Wiener AMS-Geschäftsführerin beworben. Die bisherige Chefin Claudia Finster geht in Pension, Friehs, seit 18 Jahren Stellvertreterin, schien die logische Nachfolgerin. Landesdirektorium und Bundes-AMS plädierten für sie, der mit der Nachfolgesuche beauftragte Headhunter reihte sie an die Spitze.

Für den sozialpartnerschaftlich zusammengesetzten Verwaltungsrat reichte das offenbar nicht: Friehs hat zwar die Stimmen der Arbeitgebervertreter, und auch die Metallergewerkschaft steht hinter ihr. Die Teilgewerkschaften Vida und GPA votierten gegen sie, Wiens Finanzstadträtin Renate Brauner soll sie ebenfalls ablehnen. Brauner wünscht sich mehr Kontrolle über die 350 Millionen Euro Fördergeld für den Wiener Arbeitsmarkt. Sie habe sich mehrfach über Friehs beschwert, heißt es im Ministerium.

Sozialminister Hundstorfer steht dazwischen. Das Sozialministerium brachte Petra Draxl, Abteilungsleiterin für den Europäischen Sozialfonds (ESF), in Stellung. Diese freilich hat selbst eine Anzeige am Hals: Der ESF hatte einen Millionenauftrag an eine Agentur vergeben, bei der Draxl einst Geschäftsführerin gewesen war (der Standard berichtete).

Friehs wiederum ist nicht das erste Mal mit einer Anzeige konfrontiert: Im vorigen Sommer zeigte sie eine Schulungsfirma, die bei einer Vergabe zu kurz gekommen war, wegen Amtsmissbrauch an - mit ähnlich lautenden Argumenten, zwei Wochen vor Beginn der Bewerbungsfrist. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen am 11. Juni ein.

Einen Tag später berief Hundstorfer Winfried Göschl zum Vize-AMS-Chef in Wien. Ein Versuch, Zeit zu gewinnen, wie Insider vermuten, bis die Vorwürfe gegen Draxl ausgeräumt seien. Dann könnte der Minister sie als " Kompromisslösung" bestellen. Friehs hängt bis dahin in der Luft. In ihrer E-Mail schrieb sie: "Ich bin die Person, der Schaden zugefügt werden soll."(Petra Stuiber, DER STANDARD, 20.6.2012)

  • Je schwieriger der Arbeitsmarkt, desto begehrter die Millionen, mit denen 
er gefördert wird: Der Kampf um den Chefsessel im AMS-Wien wird mit harten 
Bandagen geführt.
    foto: christian fischer

    Je schwieriger der Arbeitsmarkt, desto begehrter die Millionen, mit denen er gefördert wird: Der Kampf um den Chefsessel im AMS-Wien wird mit harten Bandagen geführt.

  • Im Mittelpunkt: die bisherige Vizechefin Ingeborg Friehs.
    foto: ams/petra spiola

    Im Mittelpunkt: die bisherige Vizechefin Ingeborg Friehs.

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