Ägyptens Wirtschaft im politischen Stillstand gefangen

Hintergrund26. Juni 2012, 05:35
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Steigende Arbeitslosigkeit, galoppierende Inflation und ein dramatischer Rückgang der Währungsreserven machen der Ökonomie des Landes zu schaffen

Ein neuer Präsident ohne Verfassung, das Parlament aufgelöst und ein Militärrat, der keine Anstrengungen unternimmt, sich von der Macht zu verabschieden. Als wären Ägyptens Probleme nicht groß genug, schwächelt auch die Wirtschaft des bevölkerungsreichsten arabischen Landes gewaltig. Das Wirtschaftswachstum wird vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auf nur 1,5 Prozent geschätzt, die Inflation dürfte in diesem Jahr auf fast 10 Prozent steigen und die Arbeitslosigkeit könnte neue Höchststände erreichen.

Die hohe Geburtenrate ist dabei ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite kann die junge Bevölkerung ein Wachstumsmotor sein, andererseits drängen jedes Jahr Millionen neuer Arbeitskräfte auf einen ohnehin angespannten Arbeitsmarkt. Hat man keinen sicheren Job im staatsnahen Sektor, so sind die beruflichen Aussichten für junge Ägypter trist. Auch gut ausgebildete Akademiker suchen teilweise vergeblich nach Arbeit.

Ägypten geht das Geld aus

Die Finanzen des Landes gleichen einem Schlachtfeld. Reiche Ägypter parken ihr Vermögen immer öfter im Ausland, der Tourismus ist stark zurückgegangen (minus 32 Prozent im ersten Quartal 2012) und ausländische Investoren sind angesichts der angespannten politischen Lage mehr als zurückhaltend. Ägyptens Währungsreserven haben sich von 36 Milliarden vor dem Sturz Mubaraks auf 15 Milliarden Dollar mehr als halbiert. Der IWF sollte mit einem 3,2 Milliarden Dollar-Kredit helfen. Wahlkampf und politischer Stillstand haben die Verhandlungen allerdings bis heute verzögert.

Selbst wenn Ägypten die internationale Hilfe bekommt, reicht sie nur um Rechnungen für Subventionen für Nahrungsmittel und Treibstoffe zu decken – vorerst. Ägypten ist der weltweit größte Käufer von Weizen und gibt rund drei Milliarden Dollar dafür aus, die Kosten für die staatliche Stützung von Diesel- und Benzinpreisen belaufen sich auf ein Vielfaches.

Saudisches Unbehagen

Ägypten muss also Hilfe von anderen Quellen anzapfen. Das sind derzeit vor allem Golf-Anrainerstaaten. Katar mit seinen zahlreichen staatlichen Unternehmen investiert in Ägypten auffallend stark. Erst im Mai kündigte QInvest, die staatsnahe Investmentbank des gasreichen Landes, an, dass sie ein Joint Venture in Ägypten errichten will. Qatar Petroleum zeigt Interesse an einem ägyptischen Raffinerie-Projekt.

Das finanzielle Engagement spiegelt durchaus politische Affiliation wieder. Katar unterstützte die politischen Umbrüche der Region und kann sich auch mit einer parlamentarischen Mehrheit und stärkerem Einfluss der islamistischen Muslimbrüder anfreunden. Ganz im Gegensatz zu Saudi-Arabien: Zwar unterstützte die ölreiche Monarchie Ägyptens Zentralbank im Mai mit einer Milliarde Dollar. Doch das Geld floss erst nach einem Jahr leerer Versprechungen der saudischen Regierung. Ursprünglich sagte Riad vier Milliarden an Wirtschaftshilfe zu, abgesehen von der Geldspritze der Zentralbank ist davon jedoch noch nichts angekommen. Die Zurückhaltung zeigt auch das Unbehagen der Saudis mit dem Aufstieg der Muslimbrüder in Ägypten.

Ausgangslage gleichgeblieben

Jane Kinninmont, Expertin am angesehenen Chatham House in London, sieht in einem Kommentar vom Mai die ökonomische Lage jedoch nicht als aussichtslos an. Die starken Grundlagen der ägyptischen Wirtschaft hätten sich trotz Revolution nicht geändert, argumentiert die Wissenschafterin. Ägypten habe Öl, Gas, erstklassige Tourismusdestinationen und gehört zu den diversifiziertesten Ökonomien des Nahen Ostens.

Doch gerade dieser Mangel an Veränderung birgt auch Probleme. Zwar ist Mubarak und ein Großteil seiner Minister von der politischen Bühne verschwunden, Korruption und Bürokratie sind jedoch geblieben. Einsparungen und Kürzungen haben in einem Land wie Ägypten das Potential für eine weitere Revolution und sind deswegen unrealistisch: Rund 40 Prozent der Ägypter leben von zwei Dollar am Tag oder weniger.

Auswirkungen auf die Region

Sollte sich die ökonomische Situation nicht bessern, so hat das auch über Ägypten hinaus Auswirkungen – nicht nur wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes für die Arabische Welt. Diktatoren, absolute Herrscher und andere arabische Autokraten warnen vor Instabilität und ökonomischen Abstieg, sollten demokratische Umstürze Erfolg haben. Ein Kollaps der ägyptischen Wirtschaft würde ihren Warnungen mehr Glaubwürdigkeit verleihen. (Stefan Binder, derStandard.at, 26.6.2012)

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    Armut auf den Straßen Kairos: Rund 40 Prozent der Ägypter leben von zwei Dollar am Tag.

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