"In Island gibt es immer noch Caffè Latte"

Interview15. Juni 2012, 17:40
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Jón Gnarr ist der witzigste Bürgermeister der Welt. Ein Gespräch über Kabarettisten, isländische Nahtoderfahrungen und globale Verteilungsgerechtigkeit

STANDARD: Sie sind als Komiker und Kabarettist zum Bürgermeister Reykjaviks gewählt worden. Welcher Job gefäll Ihnen besser?

Jón Gnarr: Mir hat mein früherer Job viel besser gefallen! Ich komme aus der kreativen Welt und bin in die logische Welt gewechselt. Hier gibt es für Kreativität keinen Platz. Ich muss mich an alle Anstandsregeln halten, aufpassen, was ich sage, was ich tue. Es ist mir kaum noch möglich, spontan zu sein.

STANDARD: Ihre Partei Besti Flokkurinn hat bei den Gemeinderatswahlen 34 Prozent der Stimmen erzielt. Wie ist das möglich für eine Bewegung ohne Programm?

Gnarr: Wir haben im Wahlkampf das Finanzsystem und das politische Establishment verspottet. Das Leben ist inzwischen so kompliziert geworden, dass eigentlich keiner mehr versteht, was um uns herum passiert. Das System des globalisierten Finanzkapitalismus überschreitet doch die Grenzen des Nachvollziehbaren. Diejenigen, die so tun, als ob sie die Dinge begreifen würden, werden Politiker (lacht). Mit diesen Gedanken haben wir gespielt. Darüber hinaus haben wir Dinge, die wir für Reykjavík erreichen möchten. Das größte Problem der Stadt ist, dass sie Autofahrern gegenüber zu freundlich ist. Ich würde gerne mehr Freizeitmöglichkeiten für Familien schaffen. Mehr Grünflächen, mehr Bäume.

STANDARD: Spüren die Menschen die Krise noch?

Gnarr: Ja. Die Zukunft ist unsicher, wir wissen nicht, was mit unserer Währung passiert. Aber die Krise war in Island nicht so verheerend wie in anderen Ländern. Es gibt hier keine geschlossenen Geschäfte und keine Massenarbeitslosigkeit. Vielleicht liegt das daran, dass Island so klein ist und wir bessere Wege gefunden haben, mit der Krise umzugehen als der Rest Europas. Wir haben bestimmte Möglichkeiten, die sich aus unserer Unabhängigkeit und Abgeschiedenheit ergeben.

STANDARD: Haben sich die Einstellungen der Menschen verändert?

Gnarr: Wir haben eine Nahtoderfahrung gemacht. Alle dachten, diese Krise bedeutet unser Ende. Es wusste keiner, was nach dem Zusammenbruch der Banken geschehen würde. Die Leute fragten sich: Werden wir jetzt von einer Bank geschluckt und zur Goldman-Sachs-Republik? Mit der Zeit stellte sich heraus, dass sich gar nicht so viel geändert hatte. Island fiel in eine Rezession. Ich habe mich gefragt, was das für den Einzelnen bedeutet. Ich habe mich entschieden, dass eine für jeden spürbare Rezession in dem Moment eintritt, in dem man sich keinen Caffè Latte mehr bestellen kann, wenn sich die Leute das nicht mehr leisten können. Aber in Island gibt es immer noch Caffè Latte (lacht). Wir trinken sogar sehr viel davon.

STANDARD: Also eine Nahtoderfahrung ohne Folgen?

Gnarr: Das habe ich nicht gesagt. Das Leben hat sich nicht so sehr geändert, die Einstellungen schon. Die Krise hat uns vorsichtiger und demütiger gemacht. Die Isländer waren immer Opportunisten. Das hat die Lebensweise im Norden mit sich gebracht: Man muss ein Opportunist sein und jede Chance ergreifen, um hier überleben zu können. Vor Jahrhunderten ging es darum, ein Tier schnell genug zu töten, vor zehn Jahren waren die Möglichkeiten, auf die sich alle stürzten, im Bankensektor. Wir konzentrieren uns jetzt auf unsere eigenen Belange. Dieses Experiment mit der weiten Welt ist ja irgendwie gescheitert.

STANDARD: Ist Island nicht langweiliger geworden? In der Oberliga der Globalisierung spielt das Land nicht mehr mit.

Gnarr: Das Land ist interessanter geworden. Seit der Krise gibt es besondere Aufmerksamkeit für lokale Fragen, was ich spannend finde. Sie können jedes Thema nehmen, etwa das mit den Fischern. Reykjavík arbeitet gerade daran, ein neues Spital zu errichten. Vor der Krise hätte das niemanden interessiert. Jetzt diskutieren alle darüber. Auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit reagieren die Menschen viel sensibler.

STANDARD: Wie lange wird das anhalten?

Gnarr: Ich weiß nicht. Menschen brauchen Katastrophen, um reifer zu werden. (András Szigetvari, DER STANDARD, 16./17.6.2012)

Jón Gnarr, 1967 in Reykjavík geboren, hat sich in jungen Jahren als Taxifahrer und Musiker durchgeschlagen. Nach ersten Auftritten im Radio ist er als Schauspieler in Fernsehserien und Komödien berühmt geworden. 2010 wurde er zum Bürgermeister Reykjavíks gewählt. Gnarr zählt zu den beliebtesten Politikern Islands. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder.

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    Freund der Eisbären: Gnarr.

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