Ein Jahr Geschichten aus Nahost: Ein Hundeleben?

Blog14. Juni 2012, 13:17
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Den Journalisten passieren oft Dinge, die im Text keinen Platz haben. Ein kurzer Blick hinter die Kulissen.

"Was für eine Art Journalist bist du? Einer von den guten, oder einer von den Bösen?", fragt der Immobilienmakler plötzlich, nur kurz vor der Unterzeichnung des Mietvertrags. Schweigen kehrt ein. Auch meine Mitbewohnerin und Journalistenkollegin hält verlegen dem Mund, und lächelt ein wenig. Wir wissen, dass es auf diese von einem Israeli gestellte Frage nur zwei Antworten gibt: die "richtige", und die ehrliche. Die ehrliche: Dir würde wahrscheinlich vieles nicht gefallen, was ich schreibe. Die "richtige": Natürlich bin ich bei Israel. Ich schreibe ausschließlich Werbetexte für das Land. Immerhin will ich ja auch hier bleiben dürfen. 

Im Endeffekt fiel die Antwort diplomatisch aus. Doch es war zu spät. Er hat es schon gewittert, stemmt seine Arme auf den Tisch, und holt zur alles vernichtenden Aussage aus. "Ich war bei der Luftwaffe. Das sollte alles über meine Einstellung sagen", sagt er übertrieben selbstbewusst, wie so oft bei israelischen Männern, wenn es um die Armee geht. "Und eines sage ich klar: Der Islam", es folgt eine lange Denkpause, "ist die Ursache, für alle Probleme dieser Welt."

Angst vor der Hamas

Die Menschen warten zusammengepfercht am Grenzübergang Rafah zwischen dem Gazastreifen und Ägypten. Die palästinensischen Männer und Frauen haben Koffer, Plastiktaschen mit Einkäufen, und ihre Kinder im Gepäck. Ihre Gesichtsausdrücke erinnern an Bilder von humanitären Katastrophen, an ein afrikanisches Flüchtlingslager, im nirgendwo. Aus Gaza durften täglich nur etwa 500 Menschen "flüchten", als ich im August 2011 darüber berichtete.

Dieses Elend muss fotografiert werden, denke ich, und nehme meine Kamera aus der Tasche. Doch nach einem Foto ist Schluss. "Was machst du? Woher bist du?", spricht mich ein Agent der Hamas an, und zeigt seinen Ausweis. Er hat einen langen Bart und dunkle Augenringe. "Hast du eine Erlaubnis hier zu fotografieren? ...komm mit", sagt er mit einem finsteren Blick.

Sie stecken mich in einen mit Fliesen bedeckten Raum ohne Fenster. "Warte", sagt er. Ich warte. Warum nur Fliesen, denke ich mir. Warum kein Fenster? Werden in dieser kleinen Zelle laufend Leute verprügelt? Die Fliesen vielleicht deshalb, weil man das Blut besser wegwischen kann? Ich bekomme Platzangst. "Was ist das Problem?", frage ich, bekomme aber keine Antwort. Man nimmt mir den Reisepass, die Kamera, die Geldtasche und das Mobiltelefon ab. Plötzlich fährt ein Schauer der Angst durch meinen Körper. Was, wenn sie die hebräischen Buchstaben auf der Tastatur meines Telefons sehen? Oder meine israelischen Ausweise? Ich hoffe, dass sie mich nicht in die Schublade, "möglicher israelischer Agent", stecken.

Der bärtige Agent tippt eine halbe Ewigkeit Daten über mich in sein Handy, und verschickt sie per SMS. Nach einer halben Stunde betritt ein anderer Agent den Raum, und macht die Tür hinter sich zu. Er blättert durch meine Reisepass und sagt: "Mach das nicht noch einmal, verstanden? Du darfst gehen." 

Bei den Aktivisten

Im Jordantal wohnt eine Gruppe von Aktivisten in einer Art Kreativ-Lehmhaus. Block für Block haben es die ausländischen Solidaritätskämpfer selbst aufgebaut, haben sich eine Art Paradies in einem palästinensischen Dorf geschaffen. „Ich war jetzt zwei Wochen hier, habe geholfen eine Schule aufzubauen", sagt ein Franzose, der für eine Marketingfirma in Paris arbeitet, und seinen zweiwöchigen Urlaub als Aktivist den Palästinensern widmet.

Als Journalisten sind meine beiden Kollegen und ich schnellere Abläufe gewohnt. Wollen eigentlich zu Kinderarbeit in Siedlungen recherchieren, und nicht gemütlich sitzen und Tee trinken. Doch die Aktivisten sind von Wochen der Einöde und starker Sonne langsam geworden. Eigentlich sind sie gekommen, um etwas für den "Frieden" zu tun. Wie viele andere Aktivisten, wollen sie mit Israel aber nichts zu tun haben.

"Was hast du in Tel Aviv gemacht?", fragt einer der Aktivisten meinen Kollegen vorwurfsvoll. Tel Aviv boykottiert er, wie Israel überhaupt. Wer als Ausländer in Tel Aviv Zeit verbringt, übt demnach Verrat. Später fahren wir mit dem Auto durchs Jordantal. Der Aktivist redet über eine Krokodilfarm in israelischen Siedlungen. Er redet ununterbrochen, und verwendet dabei vor allem ein Wort ständig: Juden. "Die Juden besetzen Palästina", "Juden...Juden...".

Ein Gedanke drängt sich nach der Fahrt auf: Wer sich als ausländischer Aktivist nicht bemüht, beide Seiten des Konflikts kennen zu lernen, und sie zu verstehen, für den reduziert sich irgendwann anscheinend alles auf die "Juden", oder auf der andern Seite des Konflikt auf "die Terroristen". Gefährlich und schade, denke ich mir oft in diesem Land.

Vom Hund gebissen: ein journalistisches Dilemma

Während meiner Recherche zum Kfar Shalem Viertel in Tel Aviv, dessen verarmte Bewohner von Zwangsräumung bedroht sind, ist etwas äußert dummes passiert: mich hat ein Hund gebissen.

"Kein Problem, er hat alle Impfungen", meinte Nava Zanani in ihrem Haus. Ein Blick auf den Hund und die heruntergekommene Wohnung, und plötzlich ist man sich nicht mehr so sicher, ob das auch stimmt. Während dem Interview hat die linke Wade etwas weiter geblutet. Den Hund hatte ich ständig im Augenwinkel fixiert. Er mich auch. 

Zurück in Jerusalem, drängte mich die Ärztin im Gesundheitsamt in ein schwieriges Dilemma: Wenn sie eine Tollwut-Impfung wollen, müssen Sie mir zuerst sagen, wem dieser und gehört. Dann müssen Sie mitkommen, den Hund identifizieren, damit wir ihn in Quarantäne stecken und beobachten können", meinte sie mit einem todernsten Blick.

Wie erklärt der Journalist nun der Sozialhilfeempfängerin, die sich für ein Interview Zeit genommen hat, dass ihr Hund wegen des Journalistenbesuchs jetzt leider ins Gefängnis muss? Ein Dilemma: die israelische Bevölkerung vor einem Hund retten, oder die Besitzerin des Hundes vor den Behörden? Es musste eine andere Lösung her. "Ich habe mit der Frau telefoniert und sie meinte, der Hund sei gar nicht ihrer, sondern ein Straßenhund", log ich die Ärztin eine Stunde später an. "Bitte geben Sie mir einfach die Tollwut-Impfung. Ist es nicht gefährlich, wenn man sie nicht innerhalb von 48 Stunden bekommt?".

Die Ärztin wittert meine Lüge, meint jedoch, sie müsse nachfragen, ob ich die Impfung nun bekomme oder nicht. "Die Kollegen in Tel Aviv meinten, in der Gegend gibt es keine Tollwut, und sie brauchen die Impfung nicht", meint sie. "Und warum wollten sie den Hund dann in Quarantäne stecken, wenn es gar keine Tollwut gibt?", frage ich. So ist das eben, lautet die Antwort. Impfung bekomme ich keine.

Doch plötzlich erinnere ich mich daran, dass in Israel ohne Druck und Streit gar nichts geht. "Sie sagen also, dass mir das israelische Gesundheitsamt die Tollwut-Impfung verweigert. Und dass sich meine Verwandten dann im Todesfall bei Ihnen melden können?". Das Ziel war erreicht: ich war geimpft, und Nava Zanani durfte ihren Hund behalten. (Andreas Hackl, derStandard.at, 6.6.2012)

  • Wie erklärt der Journalist nun der Sozialhilfeempfängerin, die sich für 
ein Interview Zeit genommen hat, dass ihr Hund wegen des 
Journalistenbesuchs jetzt leider ins Gefängnis muss?
    foto: derstandard.at/hackl

    Wie erklärt der Journalist nun der Sozialhilfeempfängerin, die sich für ein Interview Zeit genommen hat, dass ihr Hund wegen des Journalistenbesuchs jetzt leider ins Gefängnis muss?

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