"Hier ist niemand verhaltensauffällig"

29. Mai 2012, 16:24
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Seit Februar betreut der Sportpsychologe Thomas Graw das ÖFB-Nationalteam. Nicht nur, um bei Problemen zu helfen

Teamchef Marcel Koller setzt in der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft neue Akzente. Dazu gehört auch, dass seit Februar ein Sportpsychologe fixer Bestandteil des ÖFB-Betreuerstabs ist. Die Wahl Kollers fiel auf den Deutschen Thomas Graw, mit dem er schon dreieinhalb Jahre beim VfL Bochum zusammengearbeitet hatte. Die Quote der ÖFB-Akteure, die seine Unterstützung regelmäßig in Anspruch nehmen, ist laut Graw "sehr, sehr hoch".

Nicht nur bei Problemen Ansprechpartner

Das Bewusstsein, dass die mentale Verfassung die Leistung entscheidend beeinflusst, verbreitet sich auch im Mannschaftssport Fußball immer mehr. "Es geht nicht nur um Kraft, Koordination und Ausdauer, sondern auch um mentale Prozesse", erklärte Graw am Dienstag im Teamcamp in Seefeld. Der 46-Jährige möchte gegen die weit verbreitete öffentliche Meinung ankämpfen, dass man einen Psychologen nur braucht, wenn man Probleme hat. "Es geht darum, das Niveau zu heben. Die Spieler gehen dann mit mehr Zuversicht, Selbstvertrauen, Dynamik und Gelassenheit auf den Platz", erzählte Graw. Um das zu erreichen, gebe es verschiedene Zugänge. "Im mentalen Training üben wir Bewegungsabläufe und Laufwege visuell ein. Damit werden sie auf der Festplatte gespeichert und können dann im Spiel abgerufen werden", sagte Graw, der die Spieler bei seiner Arbeit teilweise auch in leichte Trancezustände versetzt.

"Von einer Gleichmacherei halte ich nichts"

Da Vertrauenswürdigkeit und Verschwiegenheit zu seinen wichtigsten berufsethischen Verpflichtungen gehören, will Graw keine Details über betreute Spieler oder Gesprächsinhalte verraten. Graw betonte aber: "Ich finde niemanden in dieser Gruppe verhaltensauffällig." Also auch nicht Marko Arnautovic, der ja als Enfant terrible des heimischen Fußballs gilt. "Ich weiß ihn einzuschätzen, mehr sage ich nicht dazu", so Graw, der auch mit Leichtathleten, Golfern und Schwimmern arbeitet. Für den Sportpsychologen ist es sogar ausgesprochen gut, dass die Akteure verschiedene Facetten in die Gruppe einbringen. "Von einer Gleichmacherei halte ich nichts. Bei 25 Menschen in einer Gruppe wird man niemals eine Gleichförmigkeit finden. Und das darf auch gar nicht das Ziel sein."

"Ich bin nicht hier, um die Spieler zu erziehen"

Wenn Graw beim Beobachten der Gruppe auf dem Rasen oder im Quartier Besonderheiten auffallen, dann kann es sein, dass er auf Spieler selbst zugeht und ihnen Lösungsvorschläge anbietet. Gemeinsam mit Aleksandar Dragovic dessen Affäre rund um die Schläge auf den Hinterkopf des Schweizer Sportministers Ueli Maurer aufzuarbeiten, hält er aber nicht für seine Aufgabe. "Ich bin nicht hier, um die Spieler zu erziehen." (APA, 29.5.2012)

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    Teamchef Marcel Koller holte den Deutschen ins Team.

  • Die Erziehung der Spieler sei nicht seine Aufgabe, so äußert sich Graw zu der Affäre um Aleksandar Dragovic.
    foto: tv

    Die Erziehung der Spieler sei nicht seine Aufgabe, so äußert sich Graw zu der Affäre um Aleksandar Dragovic.

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