Wohlstandsillusion führt zu Eurokrise

25. Mai 2012, 15:08
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Europa steuert mit dem Sparkurs dem Untergang entgegen, die ökonomische Theorie hat in Griechenland versagt, meint der deutsche Ökonom Gustav Horn

Die Eurokrise war seit ihrem Auftauchen vor zwei bis drei Jahren nie wirklich weg. Derzeit laufe sie aber wieder in Richtung eines neuen Höhepunktes. Davon ist Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor am gewerkschaftsnahen Düsseldorfer Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, überzeugt. "Es muss in den nächsten Wochen oder Monaten eine Klärung geben. Ohne heftige Auseinandersetzungen wird das nicht gehen", sagt Horn.

Bei einer Diskussionsrunde von Arbeiterkammer und Renner Institut ließ Horn keinen Zweifel offen: 2012 wird das Jahr der Entscheidung, ob der Euro überlebt oder nicht. Für den deutschen Ökonomen liegt die Hauptursache der Eurokrise in den Ungleichgewichten zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten. Davon habe die Union zwar schon lange vor Ausbruch der Krise gewusst, man habe aber gedacht, "das wird sich schon irgendwie von selbst regeln".

Die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Euroländer lasse sich durch der Einheitswährung nun einmal nicht ausgleichen, weil die Souveränität der Einzelstaaten nicht eingeengt werden sollte. Die Kluft zwischen den Leistungsbilanz-Überschussländern und jenen mit Defiziten werde im Gegenteil immer größer. "Wohlstandsillusion" nennt es Horn, dass es zum Beispiel Österreich und Deutschland allem Anschein nach wirtschaftlich eigentlich ganz gut gehe. Irgendwann komme dann die Frage auf: Sind die Schulden überhaupt noch beherrschbar? Seit mehr als zwei Jahren laute die Antwort darauf: ziemlich sicher nicht. 

Gemeinsames Versagen

Die Eurozone müsse einsehen, dass es nicht die Schuld Griechenlands, Spaniens, Irlands, Italiens oder Portugals sei, dass der Euro auf der Kippe stehe. "Das ist eine gemeinsame Fehlleistung gewesen", so Horn. Die rigide Sparpolitik, die die Euroländer zum Beispiel Griechenland, aber auch sich selbst aufbrummen, ist für Horn jedenfalls nicht der richtige Weg aus dem Dilemma. In der Ökonomie werde der derzeitige Austeritätskurs als "Theorie der expansiven Kontraktion" bezeichnet.

Horn skizziert die Grundannahmen dieser Theorie so: "Ein Staat muss sparen und fährt deswegen seine Ausgaben zurück. In der Theorie sagen die Bürger des Landes dann: Super, da habe ich wieder viel mehr Vertrauen in das Finanzgebaren meines Landes. Und weil ich das alles so super finde, gebe ich mehr Geld aus und investiere." Ein Schmunzeln kann sich Horn dabei nicht verkneifen: "So stellt man sich das vor. Nur leider hält sich die Freude in ganz engen Grenzen. Wie man sehen kann, steigt der Konsum in Griechenland oder Spanien keineswegs an." Das heißt, im Falle Griechenlands zum Beispiel habe die angewandte ökonomische Theorie versagt, nicht die Griechen, stellt Horn fest.

Wie kommt Europa nun heraus aus dem Schlamassel? Horn fordert eine stärkere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB). Das bedeute mehr Interventionen am Sekundärmarkt, wenn Probleme auftreten. Die EZB würde allein mit der Ankündigung einer Stützung des Bond-Marktes die sensiblen Finanzmärkte beruhigen und so einer Panik Einhalt gebieten können. Nur wenn die EZB mit allen Maßnahmen, die eine Notenbank einführen kann, hinter dem Euro stehe, könnte dieser langfristig überleben. Aber, schränkt Horn ein, die EZB könne auch nicht die Lösung aller Probleme sein, denn "gegen die Ungleichgewichte zwischen den Staaten" könne sie schließlich auch nichts tun.

Ins Gleichgewicht bringen

Dafür braucht es laut Horn eine Art Europäischen Währungsfonds, der sich um das Leistungsbilanzgleichgewicht kümmern und mit Geld aushelfen soll, wenn ein Land Unterstützung braucht. Im Gegenzug könnte so ein Währungsfonds auch Auflagen zur Handelsbilanz an das Land richten. Das Geld dafür müsse von den Mitgliedsstaaten kommen. Voraussetzung dafür seien "Organisationen einer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung". Das bedeutet mehr oder minder eine europäische Regierung und eine gesamteuropäische Finanz- und Wirtschaftspolitik. Außerdem, glaubt Horn, müsse der derzeitige Austeritätskurs zurückgefahren werden. Zwar seien strukturelle Reformen und Sparbestrebungen durchaus wichtig, in der derzeitigen Härte seien sie aber kontraproduktiv. 

"Europa ist auf einem Kurs, der so sicher nicht weitergeht", ist Horn überzeugt. Ohne Umdenken sieht der Ökonom eher schwarz für Euro und Eurozone. (Daniela Rom, derStandard.at, 25.5.2012)

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    Die Eurokrise ist ein gemeinsames Versagen, nicht die Schuld einzelner Länder, ist Gustav Horn überzeugt. Es hapere vor allem an den Ungleichgewichten zwischen den Ländern, für die es bisher keine Ausgleichsmechanismen gibt.

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